Von
Hartwig Ehlers:
Spontan hat mir die zweite, hemingway-artig
verdichtete Fassung besonders gefallen. Der Text entfaltet durch seinen
eigenen Rhythmus die große weibliche Metapher des Meeres ...
la mare ...
Er beschwört eine ganz intime Melodie aus dem anonymen
Rauschen des
Hintergrundes - und führt sie behutsam mit Thema (Sehnsucht)
und
Variationen (zwischen Ernüchterung und Erfüllung) in
den Vordergrund,
um sie schließlich zurückzugeben an das
allumfassende Rauschen, dem sie
entstieg ...
Fast unmerklich transformiert sich
dabei die anfängliche Lebens- und Liebessehnsucht in ihre
letale
Erfüllung - eine dezente Beschwörung des
"süßen Todes" als Verewigung
des Augenblicks letzter Hingabe und Vereinigung, die alle Sehnsucht
stillt. All das wird ja von der Metaphorik des Meeres in ihrer
delikaten Mehrdeutigkeit (Schoß und Grab des Lebens ...)
umfasst. Die
gleitenden Variationen der Metaphern - vom weichen Wasser am Strand zum
weichen Stoff des Kleides, vom diamantenen Funkeln der Wellen zum
leidenschaftlichen Funkeln in Julias Augen - geben dem Text
eine suggestive, fast musikalische Intensitä ...
Der Text
steigt wie im Zeitraffer die Stufen der Evolution aus dem Urmeer
aufwärts - die Wechselwirkung der Moleküle, die
kristalline Brechung
des Lichts, die Anziehung der Körper, die Zerrissenheit der
Seelen
zwischen Herzbegehr und gesellschaftlicher Versagung - um
dann wie in Zeitlupe die Auflösung aller Errungenschaften der
Evolution, das Verschweben aller Spannungen der Kultur in der
"thalassalen Regression" zurück ins ewige Meer zu zelebrieren.
Die Frau
wandelt sich dabei von der wartenden und sehnenden Träumerin,
die der
"wissende" Mann belächelt, in die unwiderstehlich verlockende
Sirene,
die ihn in die Gezeiten schmerzlich-schönen, grenzenlosen
Genießens
zieht, das schließlich alle Differenzen (Person, Geschlecht)
auflöst in
das unendliche Spiel von Sand, Wind und Wellen, die alle Lebensspuren
tilgen. - Der Text evoziert auch eine filmische Geste
- einen langen Zoom vom großen Meer hinein in das
kleine
ambivalente Gewusel einer intimen Beziehung und dann zurück in
die
kosmische Anonymität des großen Ganzen. Aber der
Makrokosmos wird nicht
beschworen, um den Mikrokosmos zu verkleinern oder zu
vergleichgültigen
- die einfachen Fundamente der Natur nicht, um vor den komplexen
Problemen der Zwischenmenschlichkeit zu flüchten ... nein, der
Ebenenwechsel erfolgt eher sanft und gleitend, so dass sich
beide Ebenen ("des Meeres und der Liebe Wellen")
überschneiden und ineinander blenden ...
Das reale
(schaffende, zerstörende) Meer und das imaginäre
(sinnlich lockende,
begehrend verschlingende) Meer werden so im Text symbolisch vermittelt
- auf ebenso sinnfällige wie abgründige Weise ... Der
Text geht einem
auch nach dem Lesen in Gedanken nach, eben weil sein Enden im
Unendlichen nicht nur besänftigt, sondern auch beunruhigt
dadurch, dass
es den dunklen, traumatisch weiterwälzenden Grund
mancher hellen, heilen, scheinbar friedlichen
Oberfläche ahnen
lässt ... "