Mord wäre eine Lösung

 
Die Farben auf Ibiza sind intensiver als anderswo, der Himmel ist blauer, die Mohnblumen röter; das liegt wohl an der kristallklaren Luft. Wenn die Sonne untergeht, vergoldet sie die ockerfarbenen Felsen und der Nachthimmel umarmt die Insel, funkelnde Sterne scheinen zum Greifen nah. Einige Menschen werden berührt von der Energie dieser Insel, wandeln sich und realisieren brachliegende Talente. So, wie die fünf Frauen auf der Finca 'Can Fernandez'. Sie sind nach und nach dort eingezogen, leben nebeneinander her. In ihren ebenmäßigen Gesichtern faszinieren die Augen, sprechende, wissende Augen, die zu fragen scheinen: "Wer bist du? Kann ich dir trauen?"

Javier Fernandez

Javier ist zurzeit in Melbourne am beliebtestem Strand-Vorort, St. Kilda. Er hat ein Hotelzimmer im 5. Stock des Esplanade-Hotels gebucht. Er sieht sich um, das Zimmer ist klein aber zweckmäßig eingerichtet. Auf dem Schreibtisch steht ein Telefon, daneben ein Computer mit Internet-Anschluss. Er holt aus dem Eingangsbereich den Rucksack, der neben den beiden großen Koffern steht, setzt sich an den Schreibtisch, nimmt das Adressbuch aus der Tasche und sucht die Telefonnummer seiner Tochter Janet heraus. Hier ist es jetzt neunzehn Uhr, dann muss es in Madrid etwa neun Uhr sein, zu der Zeit könnte er Janet erreichen. Er wählt die Nummer, wartet, das Freizeichen ist da und tatsächlich wird abgehoben. "Janet Fernandez" "Hola, Janet, schön deine Stimme zu hören." "Papa? – Na, dass du anrufst… ich dachte schon, dass dich die Haie gefressen haben.""Morgen flieg ich nach Ibiza, da kenn' ich ein gutes Restaurant. Hoffentlich gibt es das noch." "Das ist ja super! Du fliegst einfach so mal nach Ibiza?" "Nicht einfach so. Hab' hier alles verkauft. Du kennst doch die Finca. Ich will die alten maroden Gebäude abreißen und einen modernen Wohnpark auf dem Grundstück errichten." "Ich fass' es nicht. Du verlässt Australien… für immer?" "Ja, obwohl, wenn ich hier aus dem Fenster auf die Phillip-Bay blicke, fällt es mir verdammt schwer. Melbourne ist eine quicklebendige Stadt. Nur leider liefen die Geschäfte in der letzten Zeit nicht so optimal." "Oh, aber den Flug kannst du dir noch leisten." "Den Flug und das Fischessen. - Keine Bange, ich komme zurecht." "Witzbold!" "Janet, hast du Anfang Juli Zeit, nach Ibiza zu fliegen? Ich möchte dich gern wiedersehen. Spätestens am 30. Juni ziehen die Mieter aus. Du könntest dort mit mir eine Weile wohnen." "Ich hol mal schnell den Kalender… warte… hab' ihn. Frühestens könnte ich am achten Juli fliegen." "8. Juli, ist notiert. Am besten suchst du dir einen Flieger aus, der so ab 18 Uhr auf Ibiza landet, um die Zeit ist es nicht mehr so heiß. Ruf mich einfach vom Flughafen an, ich hol' dich dann ab." "Unter welcher Nummer kann ich dich denn erreichen?" "Ach, Janet, daran habe ich nicht gedacht. Ich gebe dir gleich die Nummer. Du rufst zwar über Australien in Spanien an, aber es ist ja nur kurz. Ich bezahle dafür deine Handy-Rechnung." "Ist in Ordnung Papa, ich freu' mich so darauf dich wieder zu sehen." "Ich auch, bis bald." Es ist still im Zimmer. Javier lehnt sich zurück, sieht aus dem Fenster, auf die atemberaubende Stadt, die Bay und das Meer. Schade, dass er hier wegmuss. Anfangs liefen die Geschäfte gut. Seine Anzeigen auf dem Immobilien-Markt 'Bargeld durch Immobilienerwerb' lockten genau die Kunden an, die er haben wollte. Die meisten konnte er überzeugen, überhöhte Kredite aufzunehmen, damit Wohnungen oder Häuser zu kaufen. Der Vorteil für die Kunden lag darin, die Differenz zwischen Kredit und Kaufpreis bar ausgezahlt zu bekommen. Die Werbefotos der Immobilien waren natürlich aufgepeppt; dass die Immobilien heruntergekommene Bauten waren, die er für einen Spottpreis gekauft hatte, wussten die Kunden nicht. Leider hatten sich einige Käufer untereinander ausgetauscht, als sie feststellten, dass die versprochenen Renditen ausblieben und verklagen ihn nun. Ihm wurde es hier zu heiß. Geld hat er genug, damit kann er ein neues legales Leben beginnen. In seinem Pass steht jetzt 'Peter Miller', ein Aller-Welt-Name. Da England auch der EU angehört, braucht er keinen spanischen Ausweis beantragen, die spanischen Behörden registrieren die Fingerabdrücke, das könnte für ihn fatale Folgen haben. Er muss nur vorsichtshalber alle sechs Monate mal nach London, dort hat er eine kleine Wohnung gekauft in der Somersed Road, in der Nähe des Bedford Parks. Seine erste Immobilie war die Finca auf Ibiza. Ein paar Jahre hatte er dort gelebt. Der Feigenbaum, den er damals gepflanzt hatte, müsste schon ganz schön groß sein.
Sobald die neue Wohnanlage steht, will er sich zur Ruhe setzen. Er könnte es sich leisten, einen Verwalter für die Wohnungen einzusetzen. Rosário wäre damit überfordert; eine treue Seele. Auf sie hat er sich immer verlassen können. Die Mieteinnahmen gingen regelmäßig auf dem Konto ein.Eigentlich hätte Rosário es verdient, dass er ihr eine kleine Wohnung in der neuen Anlage mietfrei überlässt, mit ihren Kräutern verdient sie nur wenig. Er schmunzelt, der Gedanke, Rosário damit zu überraschen, gefällt ihm. Er wird sein neues Leben als Wohltäter beginnen, endlich sorgenfrei leben. Wird auch Zeit, er war schon 54. Sorgen macht er sich um Janet. Wie soll er seiner Tochter nur erklären, dass er eine andere Identität angenommen hat. Bisher ließ er sie in dem Glauben, seriöse Geschäfte abzuwickeln. Die Wahrheit sagen? - Warum nicht. Sie wird ihn sicherlich nicht verpfeifen. Doch es könnte sein, dass sie sich dann von ihm abwendet. Verdammt, er liebte seine Tochter. Vivian, ihre Mutter, war die einzige Frau, mit der eine längere Beziehung hatte. Obwohl er immer wieder Affären mit anderen Frauen hatte, hielt sie zu ihm. Sie fand meist schnell heraus, wenn er sie betrog, wollte ihn dann jedes Mal verlassen. Es kam zu Streitgesprächen, mitunter rastete er aus, schlug sie, er versprach ihr treu zu sein, sie versöhnten sich. Nach einem dieser Streitgespräche verlobte er sich mit ihr, um ihr zu beweisen, dass er nur sie wirklich liebte. Danach gab es kaum Probleme; bis zu jenem Tag, an dem es keinen Streit mehr gab, auch keine Versöhnung. Sie war einfach ausgezogen. Er suchte sie überall, in der Stadt, in den vielen Restaurants und Bars von Eivissa. Vivian blieb verschwunden. Monate später erhielt er von ihr einen Brief aus Madrid, er sei Vater einer Tochter geworden. Sie schrieb auch, dass sie einen Mann kennengelernt hat, den sie demnächst heiraten wird. Sein Herz flatterte. Die Erinnerung an Vivian schmerzte. Wut über sein Verhalten ihr gegenüber stieg in ihm auf.
Vivian war eine großartige Frau. Ab und zu durfte er seine Tochter abholen, mit ihr etwas unternehmen, als Janet älter wurde, auch den Urlaub mit ihr verbringen. Er hatte dafür eine Ferienwohnung an der Costa Brava gekauft, die er später, als er nach Australien auswanderte, Janet überschrieb.Seit ein paar Jahren studierte Janet mit beachtlichem Erfolg Kunst und Kunst-Geschichte in Madrid an der 'Real Academia de Bellas Artes'. Javier erinnert sich an die ersten Bilder von Janet. Sie zeichnete schon als Kind sehr phantasievoll. Zum 40. Geburtstag schenkte sie ihm ein Bild mit Rahmen, das er besonders liebt. Er nahm es sogar im Koffer mit nach Australien. Auf dem Bild ist das Mittelmeer und ein Teil der Küste bei Sonnenuntergang zu sehen, auf einem Felsbrocken sitzt ein Mann, dessen Silhouette seiner sehr ähnelt, am Meeressaum steht ein junges Mädchen – Janet. Das zarte Tuch, das ihren Körper umhüllt, lässt sie wie eine Meerjungfrau erscheinen. Wie gut, dass es Janet gibt, der einzige Mensch in seinem Leben, der ihm was bedeutet.

Die Erinnerung an seine Mutter ist verblasst, wie die bunten verwaschenen Kittel, die sie häufig trug. Ein zartes, ernstes Wesen, deren Schritte er nie hörte und sich erschrak, wenn sie plötzlich neben ihm stand. Sie stammte aus Irland und kam mit der Lebensart der Spanier wohl nicht zurecht. Von ihr hatte er die roten Haare geerbt. Sie lebten in Cas Corredor, einem Dorf, deren Bewohner durch die Wände der Häuser sehen konnten. Sein Vater war zwar als Monteur viel unterwegs, doch wenn er da war, ging es fröhlich und abenteuerlich zu. Stundenlang kletterten sie über die lockeren Felsbrocken an der Küste, angelten in versteckten Buchten Fische und brieten sie gleich.

Für die Kinder war das Dorf ein Paradies. Sie balgten und tobten überall herum, spielten ihre Streiche. Als der Pfarrer mal den Haustürschlüssel draußen stecken ließ, weil er nur schnell etwas aus der Wohnung holen wollte, drehten sie den Schlüssel um und versteckten sich. Ihm blieb nichts anders übrig, als durch das Fenster zu klettern. Die Nachbarn lachten, bis die Dächer wackelten. Einmal klaute er, obwohl er genug Geld dabeihatte, eine Drachenschnur in dem kleinen Laden auf der anderen Seite der Dorfstraße. Dem Besitzer war es aufgefallen, doch er grinste nur, nahm ihm die Drachenschnur ab, brachte ihn nach Hause und erzählte es dem Vater. Der sah ihn mit einem verwunderten Ausdruck an und ihm kam es so vor, als ob ein Funken Stolz heraus blitzte. Später sagte sein Vater "Man darf alles tun. Man darf sich nur nicht erwischen lassen."
Er dachte an seinen 13. Geburtstag und die Vorbereitungen für eine kleine Feier mit Freunden, sie wollten grillen. Die Duplizität der Ereignisse an diesem Tag brannte sich in sein Gedächtnis ein. Gegen Mittag zündete seine Mutter die Grillkohle an, schüttete direkt Benzin aus der Flasche auf die qualmenden Kohlen. Er war in der Küche und blies Luftballons auf, als er sie schreien hörte. Er rannte zur Haustür, blieb im Türrahmen stehen, wollte zu ihr laufen, doch seine Beine weigerten sich. Wie in Zeitlupe sah er, wie sein Vater mit einer Decke auf die Mutter einschlug. Als er die Flammen erstickt hatte, trug er sie ins Auto und fuhr nach Eivissa in die Klinik. Wie er später erfuhr, ist sein Vater wohl zu schnell gefahren, überholte einen Traktor auf der Straße nach Talamanca und stieß frontal gegen den entgegenkommenden Lastwagen.

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