Einige Monate später
Als Maria aus der Ohnmacht erwacht, registriert sie erschrocken, dass
sie auf einer Liege im Krankenzimmer der Schokoladen-Fabrik liegt, in
der sie seit ein paar Monaten arbeitet. Auf einem Stuhl neben ihr sitzt
ein Arzt. Sie schätzt ihn auf ungefähr 40 Jahre, er sieht gut genährt
aus, hat ein rundliches Gesicht; die kurzen braunen Haare bilden in Höhe
der Ohren einen Kranz um seinen Kopf. Gerade kritzelt er etwas auf einen
Zettel. Sie richtet sich auf.
Der Arzt hebt den Kopf und lächelt sie an. "Gut geschlafen, Frau Janiak?
Ich bin Dr. Petersen."
"Wieso lieg ich hier?"
Maria schlägt die Decke zur Seite und will aufstehen.
"Nun mal schön langsam Frau Janiak, bleiben Sie liegen, Sie sind vorhin
in Ohnmacht gefallen."
Behutsam zieht er die herab gerutschte Decke über ihre Beine. Maria legt
sich wieder hin.
"Mir war in der letzten Zeit häufig schwindlig. Was is mit mir los?"
"Frau Janiak, Sie sind gesund. Es kommt gelegentlich während einer
Schwangerschaft vor, dass der Kreislauf verrückt spielt."
Maria richtet sich auf und starrt den Doktor fassungslos an.
"Das glaub ich nich", erwidert sie, wischte mit dem Handrücken ihre Nase
trocken. „Sie müssen sich geirrt haben Herr Doktor, ich bin nich
schwanger!"
Dr. Petersen sieht sie nachdenklich an. Sie ist eine schöne junge Frau,
groß und schlank, dunkelbraune dichte Haare umrahmen ihr ebenmäßiges
Gesicht. Die sanft geschwungenen Lippen zittern jetzt etwas. Ihre Augen
schimmern feucht, die blaue Iris bewegt sich unruhig.
"Ist Ihnen nie aufgefallen, dass ihr Kind sich im Bauch bewegt? Sie
müssten schon im fünften Monat sein."
"Nee, das kann nich sein, mitunter rumort es zwar in meinem Bauch aber
das kommt von der Kohlsuppe."
"Frau Janiak, es kommt nicht von der Kohlsuppe. Sie erwarten ein Kind!"
Maria sieht den Arzt ungläubig an, sein Gesicht wirkt ernst und
vertrauenswürdig. "Ich soll schwanger sein? Das is nich wahr… oder?"
Er erkennt, dass sie etwas Zeit benötigt, um diese für sie scheinbar
überraschende Diagnose zu verdauen.
"Morgen früh kommen Sie in meine Praxis, dann werde ich Sie gründlich
untersuchen. Jetzt bleiben Sie noch eine halbe Stunde liegen und gehen
danach nach Hause."
Er gibt ihr einen Zettel mit seiner Adresse und verlässt den Raum. Maria
starrt auf den leeren Stuhl. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Ein Kind…
kaum Geld… ein Zimmer in einer Baracke. Schöne Aussichten für ein Kind.
Ihr Kind? Nein, das Kind eines Verbrechers! Dieser Mistkerl! Und
das sollte sie zur Welt bringen. Nein, niemals! Ja, Morgen früh…,
vielleicht hatte sich der Doktor doch geirrt.