Dreizehn Jahre Flüchtlingslager

Einige Monate später

Als Maria aus der Ohnmacht erwacht, registriert sie erschrocken, dass sie auf einer Liege im Krankenzimmer der Schokoladen-Fabrik liegt, in der sie seit ein paar Monaten arbeitet. Auf einem Stuhl neben ihr sitzt ein Arzt. Sie schätzt ihn auf ungefähr 40 Jahre, er sieht gut genährt aus, hat ein rundliches Gesicht; die kurzen braunen Haare bilden in Höhe der Ohren einen Kranz um seinen Kopf. Gerade kritzelt er etwas auf einen Zettel.  Sie richtet sich auf.
Der Arzt hebt den Kopf und lächelt sie an. "Gut geschlafen, Frau Janiak? Ich bin Dr. Petersen."
"Wieso lieg ich hier?"
Maria schlägt die Decke zur Seite und will aufstehen.
"Nun mal schön langsam Frau Janiak, bleiben Sie liegen, Sie sind vorhin in Ohnmacht gefallen."
Behutsam zieht er die herab gerutschte Decke über ihre Beine. Maria legt sich wieder hin.
"Mir war in der letzten Zeit häufig schwindlig. Was is mit mir los?"
"Frau Janiak, Sie sind gesund. Es kommt gelegentlich während einer Schwangerschaft vor, dass der Kreislauf verrückt spielt."
Maria richtet sich auf und starrt den Doktor fassungslos an.
"Das glaub ich nich", erwidert sie, wischte mit dem Handrücken ihre Nase trocken. „Sie müssen sich geirrt haben Herr Doktor, ich bin nich schwanger!"

Dr. Petersen sieht sie nachdenklich an. Sie ist eine schöne junge Frau, groß und schlank, dunkelbraune dichte Haare umrahmen ihr ebenmäßiges Gesicht. Die sanft geschwungenen Lippen zittern jetzt etwas. Ihre Augen schimmern feucht, die blaue Iris bewegt sich unruhig.
"Ist Ihnen nie aufgefallen, dass ihr Kind sich im Bauch bewegt? Sie müssten schon im fünften Monat sein."
"Nee, das kann nich sein, mitunter rumort es zwar in meinem Bauch aber das kommt von der Kohlsuppe."
"Frau Janiak, es kommt nicht von der Kohlsuppe. Sie erwarten ein Kind!"
Maria sieht den Arzt ungläubig an, sein Gesicht wirkt ernst und vertrauenswürdig. "Ich soll schwanger sein? Das is nich wahr… oder?"
Er erkennt, dass sie etwas Zeit benötigt, um diese für sie scheinbar überraschende Diagnose zu verdauen.
"Morgen früh kommen Sie in meine Praxis, dann werde ich Sie gründlich untersuchen. Jetzt bleiben Sie noch eine halbe Stunde liegen und gehen danach nach Hause."
Er gibt ihr einen Zettel mit seiner Adresse und verlässt den Raum. Maria starrt auf den leeren Stuhl. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Ein Kind… kaum Geld… ein Zimmer in einer Baracke. Schöne Aussichten für ein Kind. Ihr Kind?  Nein, das Kind eines Verbrechers! Dieser Mistkerl! Und das sollte sie zur Welt bringen. Nein, niemals! Ja, Morgen früh…, vielleicht hatte sich der Doktor doch geirrt.

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