Mord wäre eine
Lösung
Ob es an der schwülen Luft liegt oder an dem Brief von Javier;
Isabella hat das Gefühl zu ersticken. Der Backofen, in dem
eine Pizza vor sich hin brutzelt, heizt das Zimmer zusätzlich
ein.
Sie langt nach dem Kartenspiel, das stets griffbereit im Regal liegt,
mischt die Karten, schiebt sie zu einem Fächer auseinander,
zieht nacheinander fünfzehn Karten heraus, wobei sie die
rechte Hand über dem Fächer hin und her bewegt, bis
sie sich von einer Karte angezogen fühlt, die sie verdeckt auf
den Tisch legt. Sie legt die Karten nacheinander auf. "Viel Geld liegt
am Haus, sehr viel Geld! Das wird was mit neuer Arbeit." Weitere Karten
landen auf dem Tisch. "Nachricht von einem dunklen Mann …
Kummer", murmelt sie.
Javier - die Erinnerung dringt schonungslos in ihr Bewusstsein. Dieser
Mistkerl. Warum bleibt er nicht in Australien. Sie hatte sich schon
einigermaßen mit ihrem Leben abgefunden und nun taucht er
hier wieder auf, zerrt an dem dünnen Fell, das über
der Vergangenheit liegt. Javier umbringen? Ihn einfach nur ermorden ist
zu wenig Strafe, schön langsam müsste man vorgehen,
seine Leidenszeit verlängern. Durch das Fenster sieht sie
Helga, die gerade von der Schule kommt. Isabella schiebt die Karten
zusammen, legt sie zurück in das Regal.
Sylvia versucht, die Gespräche zu analysieren
Rosário muss verrückt sein, offen über
einen
möglichen Mord zu sprechen. Wenn Javier wirklich etwas
passiert,
weiß doch Jede, dass sie ihn umgebracht hat. Sie
schüttelt
den Kopf. Vielleicht kann man Javier überzeugen, seinen
Wohnpark
woanders zu bauen.
Entschlossen setzt sie sich an ihren Computer, nimmt Verbindung mit
Hacker-Schorsch auf.
Brauche
dringend
Infos über einen Javier Fernandez. Er ist am
14.4.1952
auf Ibiza geboren, ist alleinstehend, scheint keine Verwandten auf
Ibiza zu haben. Lebte bis vor etwa neun Jahren in Puig den Valls,
danach ist er nach Australien ausgewandert, letzte Adresse
Melbourne,
Ascot Vale, Bloomfield Road 98. Handelt mit Immobilien.
Gruß Li
Sie schreibt noch ein paar andere Hacker-Freunde an, auf die sie sich
verlassen kann. Das kleine Netz, das sie gemeinsam aufgebaut haben, hat
sich als vertrauenswürdig erwiesen, sie halten zusammen, es
dringt
nichts nach außen. Die Mails werden verschlüsselt
gesendet.
Danach legt sie selber los, verliert sich im World-Wide-Web.
Die kleine Helga hat Probleme
Das Leben auf der Finca hat sich nach dem Gespräch bei
Rosário kaum verändert. Wenn sich die Frauen
zufällig
begegnen, begrüßen sie sich immer noch mit einem
kurzen
"Hola"; doch ihre Blicke, die länger als sonst aufeinander
verweilen, signalisieren "Kann ich dir trauen?".
Heute ist die Hitze fast unerträglich. Kein Wölkchen
am
Himmel, kein Lufthauch regt sich. Dem Wind ist wohl die Puste
ausgegangen, der sonst vom Meer über die Felder streicht,
für
ein angenehmes Klima sorgt.
Rosário holt die Wasserflasche aus der
Umhängetasche,
gießt ein wenig Wasser in die hohle Hand, kühlt
damit den
Nacken, trinkt den Rest aus der Flasche. Nur noch ein paar Meter, da
mündet der Feldweg in den kleinen Wald. Zielstrebig geht sie
auf
den nächsten Wacholderbusch zu, schneidet Zweige ab. Es wird
mal
wieder Zeit die Wohnung auszuräuchern, den Stress der letzten
Tage
zu vertreiben. Ein Geräusch lässt sie aufhorchen. Was
war
das? Da, wieder… sie bleibt stehen, lauscht. Es
hört sich
an, als wenn Jemand leise weint. Sie dreht sich in alle Richtungen um,
doch es ist niemand zu sehen. Ein paar Schritte weiter, hört
sie
das Wimmern deutlicher. Es kommt von dem alten Olivenbaum, dort, wo der
Stamm sich verzweigt, erkennt sie eine Baumhöhle. Ein paar
Zweige,
die quer oberhalb des Stammes zwischen den Ästen
hineingeschoben
worden sind, verwehren ihr den Blick.
"Wer ist da oben?" Das Wimmern verstummt. Rosário
legt die
Wacholderzweige auf den Boden, geht an den Baum heran, rüttelt
an
den losen Zweigen, ein Zweig löst sich, sie sieht einen
blondgelockten Schopf, das kann nur Helga sein.
"Hola, Helga, warum weinst du?"
Der blonde Schopf bewegt sich, jetzt ist der Kopf von Helga zu sehen.
Ein schmales Gesicht, das etwas gerötet ist; unter den dunklen
Augenbrauen, blicken große hellblaue Augen zu
Rosário.
"Komm runter, erzähl mir, was los ist." Helga zögert.
Rosário reicht ihr die Hand. "Na, komm schon …"
Helga ergreift die Hand und klettert vorsichtig über die losen
Zweige nach unten. Rosário umarmt sie, streicht
über ihre
Haare.
"Ich bring dich nach Hause und du erzählst mir
unterwegs …"
"Nein, ich will nicht nach Hause!" Sie reißt sich los,
bleibt
unschlüssig stehen, schaut Rosário mit skeptischer
Miene an.
"Vielleicht kann ich dir helfen, was ist denn passiert? Komm wir
setzen uns da auf den Baumstamm." Sie greift Helgas Hand, geht mit ihr
zu dem Baumstamm, der schon länger da liegen muss, das
vertrocknete Myzel der Pilze hat bereits die Rinde des Baumes
zerstört. Zögernd setzt sich Helga zu ihr.
Ein paar Minuten ist es sehr still in dem Wäldchen.
Leise beginnt Helga zu reden: "Ich war heut' nicht in der Schule, jetzt
hab' ich Angst nach Hause zu gehen."
"Warum bist du nicht zur Schule gegangen?"
"Es ist wegen der Strafarbeit … die Unterschrift von Mama
fehlt."
"Hast dich nicht getraut, die Strafarbeit der Mama zu zeigen?"
Helga schüttelt den Kopf. "Mama hat schon so viel Sorgen, da
hab
ich mich nicht getraut … das letzte Mal war sie
böse
darüber und hat mich geschlagen und danach so viel getrunken.
Ich
habe Angst, dass sie mich wieder schlägt."
Rosário drückt das kleine Mädchen an sich.
"Das kann ich gut verstehen. Wo hast du die Strafarbeit?"
"Oben in der Höhle, meine Schultasche liegt noch da, ich
hol‘ sie mal."
Behände klettert Helga auf den Baum, holt Tasche und einen
Zeichenblock, setzt sich zu Rosário. Ein paar
Blätter
fallen aus dem Zeichenblock heraus. Rosário hebt sie auf.
"Du kannst gut zeichnen. Dieses Bild gefällt mir besonders."
Rosário hält das Blatt hoch. Es ist sehr sauber mit
Buntstiften gemalt, mehrere Menschen sind dargestellt, die sich an den
Händen halten, auf einer Wiese tanzen.
Helga lächelt. "Gefällt es dir? Ich male
viel,
manchmal vergesse ich dann die Hausaufgaben und bekomme Ärger."
Inzwischen hat sie das Heft mit der Strafarbeit aus der Tasche geholt,
gibt es Rosário. Es enthält einige Strafarbeiten,
bis auf
die letzte sind alle unterschrieben. "… und wenn ich die
Strafarbeit unterschreibe?"
"Kannst du denn wie Mama schreiben?"
"Ich kann es versuchen. Gib mir mal ein Blatt und einen Stift."
Und so sitzt Rosário auf dem Baumstamm, sieht sich die
Unterschrift von Helga Mutter genau an, kritzelt und kritzelt.
Helga beobachtet die Schreibversuche aufmerksam.
"Lass mich mal probieren."
Rosário gibt ihr Blatt und Stift. Nur einmal schreibt Helga
den
Namen; die Ähnlichkeit mit der Unterschrift ist
verblüffend.
"Das kannst du viel besser." Rosário gibt Helga das
Heft. "Du unterschreibst jetzt und das bleibt unser Geheimnis, niemand
wird davon erfahren." Wo bleibt das Heft, nach dem
du die Strafarbeit in der Schule vorgezeigt hast?"
"Meine Lehrerin bewahrt das Heft auf, bis ich eine neue Strafarbeit
machen muss."
"Mhm, es bleibt also in der Schule", Rosário
überlegt,
sieht Helga eindringlich an. "Eigentlich darf man die Unterschrift
eines Anderen nicht nachmachen aber es ist auch überhaupt
nicht in
Ordnung, wenn deine Mutter dich wegen der Strafarbeiten
schlägt. Kannst du ein Geheimnis für dich
behalten?"
"Ja."
"Ich kann das auch." Rosário gibt Helga das Heft. "Du
unterschreibst jetzt und das bleibt unser Geheimnis, niemand wird davon
erfahren."