Zögernd
nimmt Helga das Heft an sich, nagt an der Unterlippe. Ihre Pupillen
bewegen sich hin und her, dann sieht sie kurz Rosário an,
die
zustimmend nickt, beugt sich über das Heft und schreibt. Als
sie
fertig ist, atmet sie tief ein, ein erleichtertes "Puh"
entfährt
ihr. Jetzt wirkt ihr Gesicht viel entspannter, fällt
Rosário auf. "Hilft deine Mutter dir bei den Hausaufgaben?"
"Nein, Mama sagt, das ist meine Arbeit, sie hat schon genug Probleme."
Verständnislos schüttelt Rosário den Kopf.
"Wenn du
möchtest, helf' ich dir dabei. Du kommst einfach zu mir
rüber. Laura würde sich bestimmt auch sehr freuen.
Was
hältst du davon?"
"Du bist lieb, ich mag dich. Du willst mir wirklich bei den
Hausaufgaben helfen?"
"Na, klar. Dafür malst du mir ab und zu ein schönes
Bild."
Spontan springt Helga auf, fällt Rosário um den
Hals.
"Ganz viele Bilder mal ich dir, darauf freue ich mich schon."
Rosário sieht auf die Armbanduhr. "Wann erwartet dich deine
Mutter von der Schule zurück?"
"Um halb zwei."
"Jetzt ist es gerade Eins. Du erzählst mir noch ein wenig von
dir, dann gehen wir zurück."
Das kleine Mädchen nutzt die Zeit ausgiebig, plappert munter
drauf
los. Auf dem Feldweg, der zurück zur Finca führt,
zeigt
Rosário ihr einige Kräuter, die am Wegesrand
wachsen,
erklärt ihr, wie sie heißen und wie sie wirken.
Mary und Sylvia
Es ist später Nachmittag. Mary schaltet die
Nähmaschine aus,
die letzten Tage hatte sie bis in die Nacht gearbeitet. Das Kleid ist
fertig, es muss nur noch gebügelt werden, sie hängt
es mit
dem Kleiderbügel an die Schranktür, geht ein paar
Schritte
zurück und begutachtet es. Die Farben harmonieren gut
miteinander.
Die rote und gelbe Stickerei am Ausschnitt und an den Säumen
bilden einen schönen Kontrast auf dem mai-grünen
Stoff. Es
erinnert an Wiese und Blumen. Die Kundin wird zufrieden sein.
Mary beschließt spazieren zu gehen, es wird ihr gut tun, die
Höhle mal zu verlassen. Sie könnte unterwegs ein paar
Wiesenblumen pflücken. Draußen vor der Tür
zieht sie
die weißen Leinenschuhe an, geht den Weg zur Straße
hoch.
Die Straße ist eher ein breiterer Feldweg, sie ist nicht
geteert,
die Schlaglöcher müssten mal wieder mit Kies
aufgefüllt
werden.
Mary atmet die Luft tief ein, die nach Kräutern und Blumen
duftet.
An einem Rosmarinbusch bleibt sie stehen, pflückt ein paar
Zweige.
Ein paar Blättchen reibt sie zwischen den Fingern, riecht
daran.
Mit jedem Schritt verschwindet langsam die Anspannung der letzten Tage,
es gibt nur noch den blauen Himmel, die Sonne, die ihre Haut
wärmt
und die zarten Wiesenblumen. Hin und wieder bleibt sie stehen,
pflückt Blumen und Halme, ordnet sie gleich zu einem
Strauß.
Sie geht vorbei an Orangenhainen; kleinen Höfen, in deren
Gärten allerlei Gemüse wächst.
An der Wiese mit den Schafen bleibt sie stehen. Die Wiese ist mit einem
Drahtzaun zur Straße hin abgegrenzt, hinter der Wiese beginnt
ein
kleiner Wald. Ein paar Schafe grasen dort, andere ruhen am Rand des
Waldes, der ihnen Schatten bietet. Lämmchen toben ausgelassen
zwischen gackernden Hühnern herum.
Zwischen den Bäumen erkennt sie eine Gestalt, die sich ab und
zu
bückt, wieder aufrichtet, weiter geht. Jetzt geht sie rechts
um
den Zaun herum, bückt sich wieder. Das ist doch Sylvia! Was
macht
die denn hier?
Sie überlegt, ob sie die Situation für ein
Gespräch
nutzen sollte, wartet ab. Jetzt erkennt sie, dass Sylvia vorsichtig
etwas in einen Korb legt. Wenn sie ihre Richtung beibehält,
gelangt sie bald auf der Straße. Kurzentschlossen geht Mary
langsam auf Sylvia zu, eigentlich müsste sie etwa zur gleichen
Zeit an der Stelle ankommen, wo Sylvia den Wald verlässt.
Jetzt
erkennt Sylvia sie auch, grunzt ein kurzes "Hola".
"Hola, Sylvia! Was hast du denn gesammelt?"
"Eier"
"Eier aus dem Wald? Willst du die etwa essen?"
"Was denn sonst! Vielleicht ausbrüten!"
Marys Mund verzieht sich zu einem Grinsen. Gar nicht so einfach mit
Sylvia ein Gespräch zu führen, sie ist so abweisend.
Schweigend gehen die Frauen nebeneinander in Richtung Finca weiter. Ich
muss es noch mal versuchen, doch wie. Mary nimmt einen neuen Anlauf.
"Ich meine, hast du keine Bedenken, dass die Eier schlecht oder
angebrütet sein könnten?"
"Kommt schon vor, die sortier' ich aus. Eier sind sehr vielseitig und
sättigend, obendrein spare ich Geld."
"Und wie machst du das? Woher weißt du welches Ei nicht in
Ordnung ist?"
Sylvia mustert Mary aufmerksam. "Du stellst vielleicht Fragen. Willst
du demnächst auch Eier sammeln? - Bevor ich die Eier verwende,
schlage ich sie einzeln auf, wenn sie stinken oder angebrütet
sind
- also ein Embryo zu sehen ist - dann kommen Sie gleich in den
Müll, wenn nicht, werden sie gebraten.
Frühstückseier
koche ich natürlich nicht, habe keine Lust in einen Schnabel
oder
Fuß zu beißen."
Mary verlangsamt etwas ihre Schritte, es sind nur noch wenige Meter bis
der Weg zur Finca abzweigt. Sie muss unbedingt mit Sylvia über
Bill reden, doch wie soll sie anfangen und was ist, wenn Sylvia, das,
was sie ihr erzählt, ausnutzt. Nein, das wird sie
nicht,
schließlich ist sie auch hier untergetaucht, will kein
Aufsehen
erregen.
"Mir ist schwindelig", entfährt es Mary. Das stimmt zwar
nicht, doch sie will Zeit gewinnen.
Sylvia bleibt stehen, holt aus ihrem Korb eine Thermoskanne und reicht
sie Mary. "Kein Wunder bei der Hitze. Trink mal einen Schluck Wasser."
Das kühle Wasser erfrischt nicht nur Marys
Speiseröhre, ihre
Gedanken werden klarer, konzentrieren sich auf eine Entscheidung.
"Danke, Sylvia. Es geht mir besser", und dann wagt sie es: "Ich brauche
deine Hilfe. Kannst du für mich im Internet nach einer Person
suchen? Es handelt sich um meinen Ex-Freund Bill, er ist damals in
England spurlos verschwunden."
"Warum willst du ihn finden", erwidert Sylvia, "er wird seine
Gründe haben. Vergiss ihn."
Mary spürt, dass sie weitere Informationen rausrücken
muss,
damit Sylvia anbeißt. "Da steckt mehr dahinter. Wann hast du
Zeit? Wir könnten zusammen Kaffee oder…"
"Lass mich bloß in Ruhe. Erst das verrückte
Gespräch bei Rosário und jetzt du mit deinem
Ex-Freund".
Nach kurzem Zögern sagt Mary schließlich: "Es ist
viel Geld im Spiel, ich würde deine Arbeit bezahlen."
Abrupt bleibt Sylvia stehen. "Jetzt werde ich langsam neugierig. Wann
kannst du?"
"Wie wär's mit heute Abend, ich hab' einen guten Rotwein da."
"Gut. Ist neunzehn Uhr in Ordnung?"
"Ja"
Als die beiden Frauen bei der Finca ankommen, ist Rosário
gerade
dabei, Wäsche auf einer Leine aufzuhängen. Dass Mary
und
Sylvia miteinander reden, verwundert sie, so dass sie fast vergisst zu
grüßen.