Mary und Sylvia
Es ist später Nachmittag. Mary schaltet die Nähmaschine aus, die letzten
Tage hatte sie bis in die Nacht gearbeitet. Das Kleid ist fertig, es
muss nur noch gebügelt werden. Sie hängt es mit dem Kleiderbügel an die
Schranktür, geht ein paar Schritte zurück und begutachtet es. Die Farben
harmonieren gut miteinander. Die rote und gelbe Stickerei am Ausschnitt
und an den Säumen bilden einen schönen Kontrast auf dem mai-grünen
Stoff. Es erinnert an Wiese und Blumen. Die Kundin wird zu-frieden sein.
Mary beschließt spazieren zu gehen, es wird ihr guttun, die Höhle mal zu
verlassen. Sie könnte unterwegs ein paar Wiesenblumen pflücken. Draußen
vor der Tür zieht sie die weißen Leinenschuhe an, geht den Weg zur
Straße hoch. Die Straße ist eher ein breiter Feldweg, sie ist nicht
geteert, die Schlaglöcher müssten mal wieder mit Kies aufgefüllt werden.
Mary atmet die Luft tief ein, die nach Kräutern und Blumen duftet. An
einem Rosmarinbusch bleibt sie stehen, pflückt ein paar Zweige. Ein paar
Blättchen reibt sie zwischen den Fingern, riecht daran. Mit jedem
Schritt verschwindet langsam die Anspannung der letzten Tage, es gibt
nur noch den blauen Himmel, die Sonne, die ihre Haut wärmt und die
zarten Wiesenblumen. Hin und wieder bleibt sie stehen, pflückt Blumen
und Halme, ordnet sie gleich zu einem Strauß. Sie geht vorbei an
Orangenhainen; kleinen Höfen, in deren Gärten allerlei Gemüse wächst. An
der Wiese mit den Schafen bleibt sie stehen. Die Wiese ist mit einem
Drahtzaun zur Straße hin abgegrenzt, hinter der Wiese beginnt ein
kleiner Wald. Ein paar Schafe grasen dort, andere ruhen am Rand des
Waldes, der ihnen Schatten bietet. Lämmchen toben ausgelassen zwischen
gackernden Hühnern herum. Zwischen den Bäumen erkennt sie eine Gestalt,
die sich ab und zu bückt, wieder aufrichtet, weiter geht. Jetzt geht sie
rechts um den Zaun herum, bückt sich wieder. Das ist doch Sylvia! Was
macht die denn hier?
Sie überlegt, ob sie die Situation für ein Gespräch nutzen sollte,
wartet ab. Jetzt erkennt sie, dass Sylvia vorsichtig etwas in einen Korb
legt. Wenn sie ihre Richtung beibehält, gelangt sie bald auf die Straße.
Kurzentschlossen geht Mary langsam auf sie zu, eigentlich müsste sie
etwa zur gleichen Zeit an der Stelle ankommen, wo sie den Wald verlässt.
Jetzt erkennt Sylvia sie auch, grunzt ein kurzes "Hola". "Hola, Sylvia!
Was hast du denn gesammelt?" "Eier" "Eier aus dem Wald? Willst du die
etwa essen?" "Was denn sonst! Vielleicht ausbrüten!" Marys Mund verzieht
sich zu einem Grinsen. Gar nicht so einfach mit Sylvia ein Gespräch zu
führen, sie ist so abweisend. Schweigend gehen die Frauen nebeneinander
in Richtung Finca weiter. Ich muss es noch mal versuchen, doch wie. Mary
nimmt einen neuen Anlauf. "Ich meine, hast du keine Bedenken, dass die
Eier schlecht oder angebrütet sein könnten?" "Kommt schon vor, die
schlechten werfe ich weg. Eier sind sehr vielseitig und sättigend,
obendrein spare ich Geld." "Und wie machst du das? Woher weißt du
welches Ei nicht in Ordnung ist?" Sylvia mustert Mary aufmerksam. "Du
stellst vielleicht Fragen. Willst du demnächst auch Eier sammeln? -
Bevor ich die Eier verwende, schlage ich sie einzeln auf, wenn sie
stinken oder angebrütet sind - also ein Embryo zu sehen ist - dann
kommen Sie gleich in den Müll, wenn nicht, werden sie gebraten.
Frühstückseier koche ich natürlich nicht, habe keine Lust in einen
Schnabel oder Fuß zu beißen." Mary verlangsamt etwas ihre Schritte, es
sind nur noch wenige Meter zur Finca. Sie muss unbedingt mit Sylvia über
Bill reden, doch wie soll sie anfangen und was ist, wenn Sylvia, das,
was sie ihr erzählt, ausnutzt. - Nein, das wird sie nicht, schließlich
ist sie auch hier untergetaucht, will kein Aufsehen erregen. "Mir ist
schwindelig", entfährt es Mary. Das stimmt zwar nicht, doch sie will
Zeit gewinnen.
Sylvia bleibt stehen, holt aus ihrem Korb eine Thermoskanne und reicht
sie Mary. "Kein Wunder bei der Hitze. Trink mal einen Schluck Wasser."
Das kühle Wasser erfrischt nicht nur Marys Speiseröhre, ihre Gedanken
werden klarer, konzentrieren sich auf eine Entscheidung. "Danke, Sylvia.
Es geht mir bes-ser", und dann wagt sie es. "Ich brauche deine Hilfe.
Kannst du für mich im Internet nach einer Person suchen? Es handelt sich
um meinen Ex-Freund Bill, er ist da-mals in England spurlos
verschwunden." "Warum willst du ihn finden", erwidert Sylvia, "Er wird
seine Gründe haben. Vergiss ihn." Mary spürt, dass sie weitere
Informationen rausrücken muss, damit Sylvia anbeißt. "Da steckt mehr
dahinter. Wann hast du Zeit? Wir könnten zusammen Kaffee oder…" "Lass
mich bloß in Ruhe. Erst das verrückte Gespräch bei Rosário und jetzt du
mit deinem Ex-Freund". Nach kurzem Zögern sagt Mary schließlich: "Es ist
viel Geld im Spiel, ich würde dei-ne Arbeit bezahlen." Abrupt bleibt
Sylvia stehen. "Jetzt werde ich langsam neugierig. Wann kannst
du?"
"Wie wäre es mit heute Abend, ich hab einen guten Rotwein da." "Gut. Ist
neunzehn Uhr in Ordnung?" "Ja, Mary!" Als die beiden Frauen bei der
Finca ankommen, ist Rosário gerade dabei, Wäsche auf einer Leine
aufzuhängen. Dass Mary und Sylvia miteinander reden, verwundert sie, so
dass sie fast vergisst zu grüßen.
Die letzten Strahlen der Sonne zaubern rotgoldene Reflexe auf das Haar
von Helga, die vor dem Fernseher sitzt und sich 'Die Simpsons' ansieht.
Isabella überprüft den Inhalt des Kühlschranks. Milch und Margarine
müssen besorgt werden. Sie öffnet die Tupperdose mit der Frischwurst.
Die Wurst sieht auch nicht mehr gut aus. Etwas Käse ist noch da. Sie
setzt sich an den Tisch, geht den Einkaufszettel noch mal durch,
überlegt, was sie streichen kann. Sie streicht Waschpulver durch,
ergänzt Milch, Wurst, Margarine und Brot. Rechnet, streicht die
Teelichter.
Morgen muss sie nach Eivissa und Sozialhilfe beantragen. Für zwei Wochen
Arbeit bekommt sie noch ca. 200 Euro von LIDL überwiesen; das wird
knapp. Sie muss unbedingt anfangen wieder zu töpfern. Ton müsste noch
reichlich da sein. Am besten Geschirr und Aschenbecher, die lassen sich
gut verkaufen. Morgen, ja Morgen. Sie steckt den Einkaufszettel in den
Geldbeutel.
"Helga, nicht noch eine Serie. Die Simpsons sind genug. Geh' duschen und
dann ab ins Bett."
Helga schaltet den Fernseher aus. "Mama, singst du mir nachher noch ein
paar Lieder vor?"
"Ja, mach ich. Beeil' dich mit dem Duschen, sonst wird es zu spät und
zieh' ein sauberes Nachthemd an."
Wenig später liegt Helga im Bett. Isabella setzt sich auf die Bettkante
und streichelt ihre Wange, dann beginnt sie Schlaflieder zu singen. Sie
singt vom Mond, der aufgeht, 'Weißt du wie viel Sternlein stehen …' –
'La, Le Lu' mag Helga besonders gern. Isabella muss es immer zwei Mal
singen. Sie gibt ihr noch einen Kuss auf die Stirn, geht aus dem Zimmer
und zieht die Tür zu.
Helga kann nicht schlafen. Die schöne Stimme ihrer Mutter hallt in ihrem
Kopf nach "… kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und
hat dich lieb …" Gibt es den lieben Gott wirklich? Warum beschützt er
sie dann nicht? Warum ist ihre Mutter manchmal so böse zu ihr? Sie denkt
an Rosário, freut sich schon darauf, morgen mit ihr Hausaufgaben zu
machen.
Javier Fernandez
"Was, zum Fischessen? Du hast dich nicht geändert, bist immer noch der
gleiche Witzbold."
"Ist kein Witz! Morgen flieg ich nach Ibiza, da kenn' ich ein gutes
Restaurant. Hoffentlich gibt es das noch."
"Das ist ja super! Du fliegst einfach so mal nach Ibiza?"
"Nicht einfach so. Hab' hier alles verkauft.
Du kennst doch die Finca. Ich will die alten maroden Gebäude abreißen
und einen modernen Wohnpark auf dem Grundstück errichten."
"Ich fass' es nicht. Du verlässt Australien … für immer?"
"Ja, obwohl, wenn ich hier aus dem Fenster auf die Phillip-Bay blicke,
fällt es mir verdammt schwer. Melbourne ist eine quicklebendige Stadt.
Nur leider liefen die Geschäfte in der letzten Zeit nicht so optimal."
"Oh, aber den Flug kannst du dir noch leisten."
"Den Flug und das Fischessen. Keine Bange, ich komme zurecht."
"Witzbold!"
"Janet, hast du Anfang Juli Zeit, nach Ibiza zu fliegen? Ich möchte dich
gern wiedersehen. Spätestens am 30. Juni ziehen die Mieter aus. Du
könntest dort mit mir eine Weile wohnen."
"Ich hol mal schnell den Kalender … warte … hab' ihn. Frühestens könnte
ich am achten Juli fliegen."
"8. Juli, ist notiert. Am besten suchst du dir einen Flieger aus, der so
ab 18 Uhr auf Ibiza landet, um die Zeit ist es nicht mehr so heiß. Ruf
mich einfach vom Flughafen an, ich hol' dich dann ab."
"Unter welcher Nummer kann ich dich denn erreichen?"
"Ach, Janet, daran habe ich nicht gedacht. Ich geb' dir gleich die
Nummer. Du rufst zwar über Australien in Spanien an, aber es ist ja nur
kurz. Ich bezahle dafür deine Handy-Rechnung."
"Ist in Ordnung Papa, ich freu' mich so darauf dich wieder zu sehen."
"Ich auch, bis bald."
Es ist still im Zimmer. Javier lehnt sich zurück, sieht aus dem Fenster,
auf die atemberaubende Stadt, die Bay und das Meer. Schade, dass er hier
weg muss.
Anfangs liefen die Geschäfte gut. Seine Anzeigen auf dem
Immobilien-Markt 'Bargeld durch Immobilienerwerb' lockten genau die
Kunden an, die er haben wollte. Die meisten konnte er überzeugen,
überhöhte Kredite aufzunehmen, damit Wohnungen oder Häuser zu kaufen.
Der Vorteil für die Kunden lag darin, die Differenz zwischen Kredit und
Kaufpreis bar ausgezahlt zu bekommen. Die Werbefotos der Immobilien
waren natürlich aufgepeppt; dass die Immobilien heruntergekommene Bauten
waren, die er für einen Spottpreis gekauft hatte, wussten die Kunden
nicht. Leider hatten sich einige Käufer untereinander ausgetauscht, als
sie feststellten, dass die versprochenen Renditen ausblieben und
verklagen ihn nun. Ihm wurde es hier zu heiß.
Geld hat er genug, damit kann er ein neues legales Leben beginnen. In
seinem Pass steht jetzt 'Peter Miller', ein Aller-Welt-Name. Da England
auch der EU angehört, braucht er keinen spanischen Ausweis beantragen,
die spanischen Behörden registrieren die Fingerabdrücke, das könnte für
ihn fatale Folgen haben. Er muss nur vorsichtshalber alle sechs Monate
mal nach London, dort hat er eine kleine Wohnung gekauft in der Somersed
Road, in der Nähe des Bedford Parks.
Seine erste Immobilie war die Finca auf Ibiza. Ein paar Jahre hatte er
dort gelebt. Der Feigenbaum, den er damals gepflanzt hatte, müsste schon
ganz schön groß sein.
Sobald die neue Wohnanlage steht, will er sich zur Ruhe setzen. Er
könnte es sich leisten, einen Verwalter für die Wohnungen einzusetzen.
Rosário wäre damit überfordert; eine treue Seele. Auf sie hat er sich
immer verlassen können. Die Mieteinnahmen gingen regelmäßig auf dem
Konto ein.
Eigentlich hätte Rosário es verdient, dass er ihr eine kleine Wohnung in
der neuen Anlage mietfrei überlässt, mit ihren Kräutern verdient sie nur
wenig. Er schmunzelt, der Gedanke, Rosário damit zu überraschen, gefällt
ihm. Er wird sein neues Leben als Wohltäter beginnen, endlich sorgenfrei
leben. Wird auch Zeit, er war schon 54.
Sorgen macht er sich um Janet. Wie soll er seiner Tochter nur erklären,
dass er eine andere Identität angenommen hat. Bisher ließ er sie in dem
Glauben, seriöse Geschäfte abzuwickeln. Die Wahrheit sagen? Warum
nicht. Sie wird ihn sicherlich nicht verpfeifen. Doch es könnte sein,
dass sie sich dann von ihm abwendet. Verdammt, er liebte seine Tochter.
Vivian, ihre Mutter, war die einzige Frau, mit der eine längere
Beziehung hatte. Obwohl er immer wieder Affären mit anderen Frauen
hatte, hielt sie zu ihm. Sie fand meist schnell heraus, wenn er sie
betrog, wollte ihn dann jedes Mal verlassen. Es kam zu Streitgesprächen,
mitunter rastete er aus, schlug sie, er versprach ihr treu zu sein, sie
versöhnten sich. Nach einem dieser Streitgespräche verlobte er sich mit
ihr, um ihr zu beweisen, dass er nur sie wirklich liebte. Danach gab es
kaum Probleme; bis zu jenem Tag, an dem es keinen Streit mehr gab, auch
keine Versöhnung. Sie war einfach ausgezogen. Er suchte sie überall, in
der Stadt, in den vielen Restaurants und Bars von Eivissa. Vivian blieb
verschwunden.
Monate später erhielt er von ihr einen Brief aus Madrid, er sei Vater
einer Tochter geworden. Sie schrieb auch, dass sie einen Mann
kennengelernt hat, den sie demnächst heiraten wird. Sein Herz flatterte.
Die Erinnerung an Vivian schmerzte. Wut über sein Verhalten ihr
gegenüber stieg in ihm auf.
Vivian war eine großartige Frau. Ab und zu durfte er seine Tochter
abholen, mit ihr etwas unternehmen, als Janet älter wurde, auch den
Urlaub mit ihr verbringen. Er hatte dafür eine Ferienwohnung an der
Costa Brava gekauft, die er später, als er nach Australien auswanderte,
Janet überschrieb.
Seit ein paar Jahren studierte Janet mit beachtlichem Erfolg Kunst und
Kunst-Geschichte in Madrid an der 'Real Academia de Bellas Artes'.
Javier erinnert sich an die ersten Bilder von Janet. Sie zeichnete schon
als Kind sehr phantasievoll. Zum 40. Geburtstag schenkte sie ihm ein
Bild mit Rahmen, das er besonders liebt. Er nahm es sogar im Koffer mit
nach Australien. Auf dem Bild ist das Mittelmeer und ein Teil der Küste
bei Sonnenuntergang zu sehen, auf einem Felsbrocken sitzt ein Mann,
dessen Silhouette seiner sehr ähnelt, am Meeressaum steht ein junges
Mädchen – Janet. Das zarte Tuch, das ihren Körper umhüllt, lässt sie wie
eine Meerjungfrau erscheinen. Wie gut, dass es Janet gibt, der einzige
Mensch in seinem Leben, der ihm was bedeutet.
Die Erinnerung an seine Mutter ist verblasst, wie die bunten
verwaschenen Kittel, die sie häufig trug. Ein zartes, ernstes Wesen,
deren Schritte er nie hörte und sich erschrak, wenn sie plötzlich neben
ihm stand. Sie stammte aus Irland und kam mit der Lebensart der Spanier
wohl nicht zurecht. Von ihr hatte er die roten Haare geerbt. Sie lebten
in Cas Corredor, einem Dorf, deren Bewohner durch die Wände der Häuser
sehen konnten.
Sein Vater war zwar als Monteur viel unterwegs, doch wenn er da war,
ging es fröhlich und abenteuerlich zu. Stundenlang kletterten sie über
die lockeren Felsbrocken an der Küste, angelten in versteckten Buchten
Fische und brieten sie gleich.
Für die Kinder war das Dorf ein Paradies. Sie balgten und tobten überall
herum, spielten ihre Streiche. Als der Pfarrer mal den Haustürschlüssel
draußen stecken ließ, weil er nur schnell etwas aus der Wohnung holen
wollte, drehten sie den Schlüssel um und versteckten sich. Ihm blieb
nichts anders übrig, als durch das Fenster zu klettern. Die Nachbarn
lachten, bis die Dächer wackelten.
Einmal klaute er, obwohl er genug Geld dabei hatte, eine Drachenschnur
in dem kleinen Laden auf der anderen Seite der Dorfstraße. Dem Besitzer
war es aufgefallen, doch er grinste nur, nahm ihm die Drachenschnur ab,
brachte ihn nach Hause und erzählte es dem Vater. Der sah ihn mit einem
verwunderten Ausdruck an und ihm kam es so vor, als ob ein Funken Stolz
heraus blitzte. Später sagte sein Vater "Man darf alles tun. Man darf
sich nur nicht erwischen lassen."
Er dachte an seinen 13. Geburtstag und die Vorbereitungen für eine
kleine Feier mit Freunden, sie wollten grillen. Die Duplizität der
Ereignisse an diesem Tag brannte sich in sein Gedächtnis ein. Gegen
Mittag zündete seine Mutter die Grillkohle an, schüttete direkt Benzin
aus der Flasche auf die qualmenden Kohlen. Er war in der Küche und blies
Luftballons auf, als er sie schreien hörte. Er rannte zur Haustür, blieb
im Türrahmen stehen, wollte zu ihr laufen, doch seine Beine weigerten
sich. Wie in Zeitlupe sah er, wie sein Vater mit einer Decke auf die
Mutter einschlug. Als er die Flammen erstickt hatte, trug er sie ins
Auto und fuhr nach Eivissa in die Klinik.
Wie er später erfuhr, ist sein Vater wohl zu schnell gefahren, überholte
einen Traktor auf der Straße nach Talamanca und stieß frontal gegen den
entgegenkommenden Lastwagen.
Gegen Abend kam seine Tante Marta und kümmerte sich um ihn.
Nach der Beerdigung nahm ihn Tante Marta mit nach Hause. Tante Marta -
eine schreckliche Frau. Sie muss so Mitte dreißig gewesen sein, roch
nach faulem Fisch, lebte allein in einem kleinen Haus am Ende des
Dorfes.
Anfangs verwöhnte sie ihn noch. Drei Mal am Tag warmes Essen, eine
Schüssel mit Süßigkeiten auf seinem Nachttisch und jeden Morgen lag
frische Kleidung auf dem Stuhl neben seinem Bett.
Doch schon bald vernachlässigte sie ihn, verdrängte ihn aus dem
Wohnzimmer, wenn er dort spielte. Abends musste er schon um 8 Uhr ins
Bett, durfte kein Licht anschalten. Warmes Essen gab es immer seltener.
Nachdem er seine Schule abgeschlossen hatte, suchte er sich daher eine
Lehrstelle als Bankkaufmann in Sant Antonio, schön weit weg von dieser
Frau. Die Lehre brach er nach zwei Jahren ab und arbeitete selbständig
als Immobilienmakler.
Zu anderen Verwandten war der Kontakt abgebrochen, sie waren nach
Amerika und Deutschland ausgewandert.
Javier steht auf und sieht aus dem Fenster des Hotelzimmers, es dämmert
bereits, die Lichter der Stadt verlocken zu einem Bummel durch die
Straßen. Ein letztes Mal in einem der zahlreichen Restaurants etwas
essen. Wenn er zurück kommt, will er noch in die Hotel-Bar. Wer weiß,
wann er wieder nach seiner Abreise mit schönen Frauen flirten kann. Ihm
fällt ein, dass Isabella immer noch auf der Miet-Liste steht. Diese
Wildkatze. Erst wehrte sie sich, kratzte und biss, obwohl ihr feuchter
Slip signalisierte: Nimm mich. Anschließend ist sie fluchend davon
gerannt. Die Erinnerung erregt Javier. Schnell zieht er sich die
hellbraune Lederjacke über und stürzt sich in das Nachtleben von
Melbourne.