Das Versteck

"Ich kümmere mich um ihn." Sybille mühte sich durch den Laden, vorbei an Truhen und Regalen. Doch dort wo sie Jonas vermutete, lag nur das Märchenbuch. "Jonas? - Jonas? Wo steckst du?" Die Ladentür war offen, seine Schuhe standen auf der obersten Stufe, die Strümpfe lagen daneben.
"Hilde, Jonas ist weggelaufen!"
Hilde, schnappte sich ihre Handtasche, stopfte das Portemonnaie schnell in die Jackentasche und verabschiedete sich von Herrn Petersen. "Jonas ist wohl zum Spielzeugladen an der Ecke  gegangen", seufzte sie "da wollte er vorhin schon rein."
Sybille nahm Schuhe und Strümpfe von Jonas an sich. "Wahrscheinlich finden wir ihn bei der Modelleisenbahn, du hattest ihm doch versprochen, dass er sich dort ein Matchbox-Auto aussuchen darf."

Bevor Herr Petersen den Laden verließ, sah er sich noch einmal um, legte das Märchenbuch ins Regal zurück, schob den kleinen Hocker unter den Tisch. Liebevoll schaute er die große Standuhr an und bemerkte, dass die Tür des Uhrenkastens einen Spalt breit offen war, drückte der Ordnung halber die Tür fest an und drehte den Schlüssel um. Mittwochs hatte er nur bis
13 Uhr geöffnet, es war später geworden. Er war zufrieden, hatte ein paar gute Geschäfte gemacht und neue Kunden gewonnen. Die beiden Damen kamen sicherlich mal wieder zu ihm. Endlich Feierabend!

Sie hatten Jonas überall gesucht. Schließlich kamen sie auf die Idee, dass er sich vielleicht in der "Schatztruhe" versteckt haben könnte und gingen zurück. Ein Bettler saß vor dem Laden auf dem Gehweg, er war wohl blind, hatte einen Schäferhund bei sich. Als sie sich der Tür näherten, knurrte der Hund laut und bellte sie schließlich an. Der Laden war geschlossen.
Hilde rief ein paar Mal nach Jonas, aber es kam keine Antwort.

Jonas hörte seine Mutter; doch er traute sich nicht zu antworten, denn da war noch ein anderes Geräusch, ein leises Knurren, dass immer stärker wurde. Ihm war unheimlich, denn er war sich sicher, dass der Wolf in der Nähe war. Er igelte sich noch mehr ein. Da ein lautes Bellen. Er hielt sich mit den Händen die Ohren zu - ich muss ganz still sein ... nur, wenn ich ganz ruhig bin ... wenn der Wolf fort ist, holt mich meine Mama hier raus.

"Hier kann er nicht sein, sonst würde er längst weinend hinter der Eingangstür stehen", meinte Hilde. "Ich hätte ihn nicht aus den Augen lassen sollen!" Ihre Mundwinkel zuckten, noch hielt sie ihre Tränen zurück.
"Entschuldigen Sie bitte,  haben Sie einen kleinen vierjährigen blonden Jungen gesehen - ich meine, vielleicht gehört", fragte Hilde den Bettler. Der Hund bellte sie an.
"Ist schon gut, Wolf", beruhigte ihn der Mann, und kraulte den Nacken des Tieres. "Weiß nich, bin erst seit paar Minuten hier."
Also schlossen die beiden Frauen daraus, dass Jonas nicht in der "Schatztruhe" sein konnte und gingen weiter. Sybille nahm Hilde in den Arm und versuchte sie zu trösten: "Vielleicht ist er ja nach Hause gegangen. - Er kennt den Weg. - Der Bettler ist mir unheimlich, glaubst du, dass der blind ist? Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er dich sehen konnte."

Sie gingen zu Fuß nach Hause, dort war Jonas auch nicht. Als die Polizei am Abend trotzdem in der "Schatztruhe" nach ihm suchen wollte, stellten sie zur Überraschung aller fest, dass der Laden völlig ausgeräumt war. Herr Petersen war, wenn man der Nachbarin glauben konnte, mit seinem Auto in Urlaub gefahren. Niemand wusste warum der Laden leer war.

Viele Jahre waren inzwischen vergangen. Jetzt stand Sybille wieder vor dem Haus. Im Schaufenster lagen Strickwaren. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie an den mysteriösen Tag und die folgenden Wochen dachte. Von dem Tag an war und blieb Jonas verschwunden.

Sybille sah die Stufen, die Tür, spürte die Hitze noch einmal, hörte das Windspiel. Der Bettler vor der Tür - der Hund ... der Hund ...  Sybille erstarrte, sie spürte, wie sich ihre Haut am ganzen Körper zusammenzog und ein unangenehmes Frösteln auslöste.

Ein Plakat hing im Schaufenster. Samstag ab 10.00 Uhr Antik-Frühling in Harrislee, las sie. - Morgen also - Sie musste unbedingt hingehen, vielleicht fand sie die Standuhr, wenn nicht dort, dann anderswo - das Frösteln ließ nicht nach.

ENDE

www.leselagune.live  | Romane | Kurzgeschichten | Texte für den Frieden | Kolumne | Kabarett-Sketche