Wie bringe
ich meinen besten Freund um?
Bevor
Markus seine Wohnung verließ, schaute er sich noch einmal um,
er sollte
den Müll wegbringen. Wenigstens die Yoghurtbecher, die immer
noch auf
dem Schuhregal standen und deren Verfalldatum längst
abgelaufen war. Er
legte eine dicke Wolldecke über den Hamsterkäfig,
damit dieser
penetrante Geruch nach Verwesung erstickt wurde, er hatte vergessen den
Hamster zu füttern. Gleich Montag früh würde
er den Käfig entsorgen.
Montag, ja Montag - vielleicht sollte er sich dafür frei
nehmen?
Das
Wochenende auf der Hütte würde ihm gut tun ... die
frische Luft, das
Pilze sammeln. Er würde Kraft schöpfen. Am Telefon
erzählte ihm Robert,
dass er ein vielversprechendes Waldstück ausgekundschaftet
hatte.
Markus überlegte, ob er lieber mit der Bahn fahren
sollte.
Die
Bremsen an seinem Cabrio mussten dringend erneuert werden. Dumm, wenn
er ausgerechnet heute in eine Verkehrskontrolle geraten würde.
Andererseits bestand die Gefahr, dass er im Zug von Bekannten gesehen
wurde, das wollte er unbedingt vermeiden. Er fuhr schließlich
doch mit
seinem Auto. Auf der Fahrt spielte er mit seinen Gedanken, entwickelte
neue, verwarf sie wieder. Seine Ideen kreisten, brodelten, bis sie sich
schließlich bündelten und auf ein Ziel
konzentrierten.
Es
war in
der letzten Zeit viel passiert. Allein die Sache mit Katharina.
Erstaunlich, wie gut er damit fertig geworden war. Dann die
Beförderung
von Robert ... auch das hatte er geschluckt, wie so vieles in seinem
Leben. Ihm war aufgefallen, dass er immer verschlossener wurde. Er
schaute in den Rückspiegel. Seine sonst
ebenmäßigen Gesichtszüge
wirkten wie erstarrt, blutleer. Die verkniffenen Züge um
seinen Mund.
Zwei steile Zornesfalten hatten sich tief zwischen seine Augenbrauen
eingegraben, dann dieses krampfhafte Fäuste ballen, wenn er
sich unter
Druck gesetzt fühlte. Er machte sich ernsthaft Sorgen.
Robert
kannte er schon seit seiner Kindheit, irgendwie gingen sie ihren
Lebensweg gemeinsam. Kindergarten, Schule, die gleiche Ausbildung ...
beide
hatten sie sich vor fünf Jahren bei der Werbeagentur Connect
beworben.
Sie konnten die Geschäftsleitung mit ihrer Dynamik
überzeugen und
wurden im Doppelpack eingestellt. Die Werbespots, die sie entwickelten,
kamen gut an. Doch irgendwann konnte er nicht mehr mithalten,
während
Robert seit kurzem zur Betriebsleitung gehörte.
Markus
war
während der Autofahrt so in seinen Gedanken versunken, dass er
das
Hinweisschild "Kirchdorf 5 km" erstaunt registrierte. Gleich
würde er
da sein. Er war nahezu süchtig auf Roberts Pilzgerichte.
Obwohl es ihm
jedes Mal mehr Überwindung kostete, den Anblick des
tellertragenden
Robert auszuhalten, diese Haltung, den Kopf leicht schräg nach
links
oben gewandt, in den Augen Überheblichkeit mit einer Prise
Irresein.
Robert,
der alles besser machte als er, der ihn jedoch brauchte, damit er sich
brüsten konnte. - Schau nur, was ich alles kann! Im Sandkasten
im
Kindergarten - Robert buk die besten Sandkuchen und er musste sie essen
und er aß alles ... Löwenzahnsuppe ... ein Gemisch
aus
nassem Sand mit
zerrupften Löwenzahnblättern ... schon
damals ... diese
Haltung,
schräger Blick von oben. In der Schule, wenn er seine
Aufsätze
vorlas ... Es war schon immer so. Behutsam fuhr Markus über
die
Schlaglöcher der Landstraße. Noch ein paar Meter.