Dreizehn Jahre Flüchtlingslager

Auch die durch den Krieg verwundeten Seelen der Menschen liegen in Schutt und Asche. Können Seelen narbenlos verheilen? Männer, die erleben mussten, wie ihre Kameraden zerfetzt wurden, deren Blut in ihre Gesichter spritzte; Kameraden, die sie nicht anständig begraben konnten. Frauen, die vergewaltigt worden waren; die ihre Kinder, ihre Männer verloren hatten; die aus ihrem Heimatland flüchten müssen.
Fjodor weiß, dass der jetzige Mann von Rosalie irgendwo in Russland kämpft und ihr daher nicht helfen kann. Sie hätte besser mit ihrem ersten Ehemann nach Amerika auswandern sollen. Dort wäre sie in Sicherheit gewesen. Doch Rosalie hat sich geweigert, ihr Land zu verlassen und blieb mit ihren beiden Kindern Albert und Maria in Pyritz.
Zwei Jahre später heiratet sie ihren Nachbarn Heinz Riebe und bekommt zwei weitere Kinder: Oleg und Daniel.

Rosalie ist jetzt 42 Jahre alt, ihr Gesicht hat slawische Züge; hohe Wangenknochen und eine hohe Stirn. Ihre 'sprechenden' Augen haben eine blaue Iris. Trotz der vier Kinder hat sie immer noch eine tadellose Figur. Ihr langes, braunes Haar bindet sie als Zopf zum Dutt.
Als couragierte Frau, erkannte sie früh, dass diesem Hitler nicht zu trauen ist und äußert sich dazu auch lauthals. Der Dorfpolizist ermahnt sie mitunter:
"Rosalie, Rosalie sei vorsichtig, sonst landest du noch im KZ."
Es fällt ihr sehr schwer - wie vielen anderen auch – die Heimat zu verlassen und sich auf diesen risikoreichen Pfad mit ihren Kindern zu begeben. Sie weiß nicht, ob ihr Mann noch am Leben ist; die letzte Nachricht von ihm kam vor einigen Monaten aus Russland.
Liebe Rosalie,
wir sind in Rakovo kurz vor Moskau. In der Nähe ist ein großer See, da können wir ab und zu schwimmen. Mir geht es gut. Eine Nachricht von unserem Führer sickerte durch: Der Krieg soll bald zu Ende sein!
Dann bin ich endlich wieder bei euch. Ich vermisse dich so sehr! Gib den Kindern einen Kuss von mir.
Heil Hitler! Dein Bärchen



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