Auch die durch den Krieg verwundeten Seelen der
Menschen liegen in Schutt und Asche. Können Seelen narbenlos verheilen?
Männer, die erleben mussten, wie ihre Kameraden zerfetzt wurden, deren
Blut in ihre Gesichter spritzte; Kameraden, die sie nicht anständig
begraben konnten. Frauen, die vergewaltigt worden waren; die ihre
Kinder, ihre Männer verloren hatten; die aus ihrem Heimatland flüchten
müssen.
Fjodor weiß, dass der jetzige Mann von Rosalie irgendwo in Russland
kämpft und ihr daher nicht helfen kann. Sie hätte besser mit ihrem
ersten Ehemann nach Amerika auswandern sollen. Dort wäre sie in
Sicherheit gewesen. Doch Rosalie hat sich geweigert, ihr Land zu
verlassen und blieb mit ihren beiden Kindern Albert und Maria in Pyritz.
Zwei Jahre später heiratet sie ihren Nachbarn Heinz Riebe und bekommt
zwei weitere Kinder: Oleg und Daniel.
Rosalie ist jetzt 42 Jahre alt, ihr Gesicht hat slawische Züge; hohe
Wangenknochen und eine hohe Stirn. Ihre 'sprechenden' Augen haben eine
blaue Iris. Trotz der vier Kinder hat sie immer noch eine tadellose
Figur. Ihr langes, braunes Haar bindet sie als Zopf zum Dutt.
Als couragierte Frau, erkannte sie früh, dass diesem Hitler nicht zu
trauen ist und äußert sich dazu auch lauthals. Der Dorfpolizist ermahnt
sie mitunter:
"Rosalie, Rosalie sei vorsichtig, sonst landest du noch im KZ."
Es fällt ihr sehr schwer - wie vielen anderen auch – die Heimat zu
verlassen und sich auf diesen risikoreichen Pfad mit ihren Kindern zu
begeben. Sie weiß nicht, ob ihr Mann noch am Leben ist; die letzte
Nachricht von ihm kam vor einigen Monaten aus Russland.
Liebe Rosalie,
wir sind in Rakovo kurz vor Moskau. In der Nähe ist ein großer See, da
können wir ab und zu schwimmen. Mir geht es gut. Eine Nachricht von
unserem Führer sickerte durch: Der Krieg soll bald zu Ende sein!
Dann bin ich endlich wieder bei euch. Ich vermisse dich so sehr! Gib den
Kindern einen Kuss von mir.
Heil Hitler! Dein Bärchen