Rosalie ärgert sich über den Hitlergruß. Sie war für
die Kommunisten und von Anfang an gegen die Nazis gewesen. Das führte
mitunter zu kuriosen Handlungen innerhalb der Familie. Es gab mal in
ihrem Dorf zwei Aufmärsche an einem Tag. Vormittags kamen die
Kommunisten, am späten Nachmittag die Nazis.
Am frühen Morgen setzte sich Rosalie an die Nähmaschine und nähte kleine
Fähnchen für die Kommunisten. Anschließend saß ihr Bärchen an der
Nähmaschine und nähte Fähnchen für die Nazis. Rosalie schickte ihre
Kinder mit den Kommunisten-Fähnchen auf die Straße. Später mussten die
Kinder mit den Nazi-Fähnchen hinausgehen.
Albert, ihr ältester Sohn ist jetzt auf der Flucht eine große
Hilfe.
Gerade 21 Jahre alt, tut er alles, um die kleine Familie zusammen zu
halten und zu beschützen. Er ist ein echtes Schlitzohr, macht gern Witze
und findet immer einen Ausweg aus aussichtslosen Situationen. Gemeinsam
mit seinen jüngeren Brüdern Oleg und Daniel, betteln sie um
Nahrungsmittel. Einmal bringt Albert sogar ein Kaninchen mit und sie
braten es über offenem Feuer. Dass das Kaninchen eine Katze war
verschwieg er. Auch kümmern sich die Brüder darum, dass sie mitunter in
Bauernhöfen oder leerstehenden Häusern übernachten können. Maria, die
18jährige Schwester, leidet besonders unter diesen katastrophalen
Ereignissen. Mitunter will sie nicht mehr weiter gehen, setzt sich an
den Wegesrand in den Schnee und weint. Albert zerrt sie hoch.
Maria wehrt sich, schubst ihn: "Albert, lass mich hier sitzen, ich kann
nicht mehr, ich will nicht mehr." Albert umarmt sie: "Komm, Maria. Es
wird alles gut. Wir sind bald in Sicherheit." Er trägt sie ein
Stück des Weges huckepack, bis sie sich wieder beruhigt.
Sie schaffen es bis Pillau, ergattern Platz auf einem der vielen
Flüchtlingsschiffe, die nach Hamburg fahren. Das Schiff ist überfüllt
mit Menschen, von denen viele körperlich und seelisch verletzt sind. Es
stinkt nach Urin und Erbrochenem. Essen und Getränke sind knapp
bemessen. So verbringen die Meisten ihre Zeit damit, auf den Strohballen
zu schlafen.
In Hamburg werden sie gut versorgt. Endlich mal eine warme Mahlzeit,
Kaffee; für die Kinder sogar Limonade und Süßigkeiten.
Die Flüchtlinge werden eingeteilt in mehrere Gruppen. Familie Janiak
landet in der Gruppe, die mit der Eisenbahn nach Flensburg fahren soll -
einer kleinen Stadt an der Grenze zu Dänemark. Im Vergleich zu anderen
Städten im deutschen Reich kam Flensburg bei den alliierten
Luftangriffen glimpflich davon. Die Einwohnerzahl steigt durch den
Zustrom der Ostflüchtlinge im Jahr 1944 bis Mitte 1945 von 68.000 auf
über 110.000 an.
Die meisten Einheimischen fühlen sich allerdings überfordert, beobachten
die Flüchtlinge skeptisch, viele schimpfen: "Diese Polacken, die
beklauen uns, stinken doch alle und haben Läuse; lassen sich vom Staat
aushalten..."
Es gibt in Flensburg vier Flüchtlingslager. Die Familie Janiak wird im
Flüchtlingslager Kielseng aufgenommen.
Die Familie muss sich mit einem Zimmer begnügen. Da es nur vier Betten
in dem Zimmer gibt, werden zwei weitere Betten geholt. Ein Tisch und
fünf Stühle stehen vor dem Fenster. Es gibt einen kleinen Herd, der mit
Kohle gefüttert werden muss.
Albert und seine Brüder verlassen bald das Lager, wollen weiter ins
Rheinland, dort soll es reichlich Arbeit geben. Rosalie bleibt mit ihrer
Tochter Maria in Kielseng.
Maria ist alles egal. Sie schläft viel und wenn sie wach ist reagiert
sie sehr aggressiv; sträubt sich, selbst kleinere Aufgaben zu
übernehmen.
Einmal bittet Rosalie ihre Tochter einzukaufen: "Maria, geh bitte zum
Krämerladen, wir brauchen zehn Eier und einen Liter Milch."
Maria liegt auf dem Bett. "Keine Lust!", murmelt sie und schlingt die
Wolldecke noch enger um sich, dreht sich zur Wand. Rosalie schüttelt den
Kopf: "Nun komm schon, hier sind drei Mark, du kannst mir ruhig mal
helfen. Ich will noch Wäsche waschen; danach back ich Plinsen für uns."
Maria dreht sich kurz um: "Igitt, immer nur Plinsen, ich muss gleich
kotzen."
Wieder schüttelt Rosalie verwundert den Kopf: "Wir müssen sparsam sein!"
"Sparsam sein… immer nur sparsam sein…", äfft Maria ihre Mutter nach. In
Rosalie steigt Wut auf; sie geht auf ihre Tochter zu, zerrt die Decke
weg, packt ihre Arme und zieht sie hoch. "So jetzt gehst du einkaufen.
Werde endlich mal wach! Ich lass mir das von dir nicht länger gefallen!"
Marias Gesicht verzieht sich zur hämischen Fratze, ihre Hände ballen
sich zu Fäusten, die sie abwechselnd gegen die Schulter ihrer Mutter
schlägt und sie damit vor sich her schubst. "Lass! mich! In Ruhe!"
Rosalie stolpert über den Küchenstuhl. Es kracht und sie fällt auf den
Boden. Maria geht zum Bett zurück, ohne sich weiter um ihre Mutter zu
kümmern: "So, dass hast du nun davon!"
Rosalie steht auf, hebt den Stuhl hoch und setzt sich darauf. Ihr
rechtes Knie schmerzt sehr. Trotzdem geht sie zum Einkaufen in den
Krämerladen.
Nach ein paar Tagen geht es ihr wieder besser. Sie ignoriert Maria nun
so gut es geht.
Nur zwei Wochen später zieht sie – mit Hilfe der Nachbarn - in eine
kleine gemütlich eingerichtete Wohnung in Silberstedt, einem Dorf in der
Nähe von Schleswig. Auf einem Bauernhof findet sie Arbeit; ihre Aufgabe
ist es, die Ställe der Kühe, Schweine und Hühner sauber zu halten. Das
tut sie gern und gründlich.
Maria Janiak nimmt weder den Krieg in Vietnam wahr, noch interessiert es
sie, dass ein gewisser Hesse einen Literaturpreis erhalten hatte. Wie
viele andere junge Menschen dieser Zeit befindet sie sich auf der
Kellertreppe des Lebens – chancenlos auf dem Arbeitsmarkt; seelisch
verkrüppelt. Ihre Stimmungen schwanken von himmelhochjauchzend bis zu
Tode betrübt.
Jedes Mal, wenn sie einer neuen Arbeit nachgeht,
dauert es nur kurze Zeit bis sie sich mit den Kollegen oder Chefs
überwirft. Aus ihrer Sicht waren natürlich immer die Anderen schuld.
Vor ein paar Wochen erhält sie endlich zwei Stellenangebote, die ihr
einen gleichbleibenden monatlichen Lohn versprechen: Fische ausnehmen in
der Fisch-Fabrik oder putzen im Franziskus-Hospital. Maria entschied
sich für die Putzstelle. Sie hätte sich lieber um die Fische kümmern
sollen.
"Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus…", singt Maria am offenen
Fenster. Die Sonne wärmt ihr Gesicht, streichelt ihre verletzte Seele.
"…da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus…"
Sie beschließt, heute an der Förde entlang zu Fuß zum
Franziskus-Hospital zu gehen. Heute Abend könnte sie nach der Arbeit
vielleicht mal Tanzen gehen. Sie sieht in ihren Kleiderschrank – ein
kleiner ehemaliger Kasernenschrank, den sie rotbraun angestrichen hat –
nimmt das hellblaue Kleid mit den weißen Tupfen heraus und zieht es an.
Vorne hat es eine lange Knopfleiste mit weißen blüten-ähnlichen Knöpfen.
Es war aus einem Care-Paket, das sie vor kurzem bekommen hatte.
Vorsichtshalber stopft sie eine Strickjacke in ihre Tasche und geht los.
In wenigen Minuten ist sie an der Förde. Der Wind ist mäßig und die
Wellen schwappen leise an den Strand. Der Förde-Dampfer 'Alexandra'
fährt gerade in Richtung Glücksburg, begleitet von kreischenden Möwen,
die auf Futtersuche sind.
Maria geht vorbei an Bahngleisen hinter denen es wilde Gärten gibt. Die
Obstbäume sehen verlockend aus. Pralle Kirschen lugen zwischen den
Blättern hervor. Die Äpfel und Birnen sind noch nicht reif. Auf kleinen
Beeten wachsen Mohrrüben, Kohlrabi und Radieschen.