Die Weihnachtstür

Sofia blickte unter den Christbaum; ein kleines schmales Päckchen lag dort neben dem Geschenk, das sie für die Mutter ausgesucht hatte. Sie wollte etwas Besonderes schenken, war in den Krämerladen gegangen, der am anderen Ende des Lagers in einer Baracke untergebracht war. Frau Matuczek begrüßte sie immer fröhlich. Wenn Sofia dort einkaufte, hatte sie ihren Spaß daran, alles im Kopf zusammen zu rechnen und das Ergebnis zu sagen, bevor Frau Matuczek mit dem Rechnen fertig war, die ihr dann jedes Mal einen Lolly schenkte.
Beide hatten überlegt, welches Geschenk sich Sofia leisten könnte. Es langte gerade für einen Waschlappen und ein Stück Seife. Schade, eigentlich hätte sie der Mutter ein Fläschchen Parfüm schenken wollen, die durchsichtige, bauchige Flasche mit dem Engel auf dem Verschluss. Ein wenig davon hatte Frau Matuczek auf ihren Handrücken getupft. Der Geruch erinnerte sie an Ostern, Frühlingsblumen und Zucker-Eier.
"Fröhliche Weihnachten, Sofia! Hier, pack mal aus." Maria lächelte und drückte ihr das längliche Päckchen in die Hand. Sofia betastete das Geschenk, wickelte das Papier ab. Zum Vorschein kam eine hellbraune Blockflöte.
"Oh, danke Mutti!" Sie holte schnell das Geschenk. "Mutti, ich hab auch was für dich."
Maria packte das Geschenk aus, schüttelte den Kopf. "Seife und ein Waschlappen?" Sie legte beides auf den Tisch, griff zum Glas. "Na, denn Prost!"

Sofia setzte die Flöte an die Lippen, legte die Finger so gut es ging auf die Luftlöcher und blies hinein. Schrill und schräg hingen die Töne für einen kurzen Moment in der Luft und zerbrachen. Sie versuchte es immer wieder, entweder waren ihre Finger zu klein oder die Löcher zu groß, dachte sie. Auf der Mohrrüben-Flöte hörten sich ihre Melodien feiner an.
"Sofia! - Sofia ... hör auf ... das ... das klingt ja fürchterlich! Geh doch mal rüber zu deiner Freundin, zeig ihr deine Flöte und lass mich in Ruhe." Die Schnapsflasche auf dem Tisch war fast leer.
Zu Rosi, am Heiligabend um diese Zeit? - Nein, das war unmöglich. Sie ging zu ihrem Nachttisch und holte die Sterne heraus, die sie in der Schule gebastelt hatte. Schwarze Scherenschnitt-Sterne, die mit farbigem Transparentpapier hinterklebt waren. Es war ihr schwer gefallen, mit der Schere das schwarze Papier heraus zu schneiden. Obwohl sie sich sehr viel Mühe gegeben hatte, sah das Ergebnis anders aus, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie schaute die Sterne der Reihe nach an. Sie nahm den Stern, den sie etwas feiner als die anderen gearbeitet und mit rotem und gelbem Transparentpapier beklebt hatte. Schnell holte sie das Geschenkpapier, in dem ihre Flöte eingewickelt war, strich es so gut es ging glatt, faltete es einmal zusammen und riss es vorsichtig in zwei Teile. Sie waren gerade groß genug für zwei kleine Sternen-Päckchen.

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