Die Weihnachtstür

"... und eure Gebete werden erhört, wenn ihr auf Gott vertraut ..." Die Stimme des Pastors drang in ihr Bewusstsein.
"... so wird euch geholfen werden ..."
Maria stand plötzlich auf: "Mir hat noch keiner geholfen, das ist doch alles nur Gerede! Wo ist er, ihr Gott?" Das Echo hallte laut von den Kirchenwänden wider: "Wo ist er, ihr Gott?" Sie zerrte Sofia aus der Bank. "Los komm schon, wir gehen; der redet doch nur und tut nichts!"
Sofia senkte den Kopf, so dass sie niemanden anschauen musste, blinzelte mitunter kurz, um festzustellen, ob sie schon an der letzten Bankreihe vorbei waren. Sie zitterte am ganzen Körper. Über diese Ausbrüche mit der Mutter zu reden, hatte sie aufgegeben. Mitunter sagte ihre Mutter: "Du weißt doch, dass ich mich nicht aufregen darf, sonst sterb ich noch."
Es machte nur alles noch schlimmer. Oft endete es damit, dass sie umkippte, nach Luft schnappte.
Mutti, bitte stirb nicht, bitte ... nein ..., dachte sie jedes Mal und gab ihr schnell die Tropfen gegen diese Anfälle. Wenn ihre Mutter wieder zu sich kam, tat sie so, als ob nie etwas geschehen war. Sofia reagierte ebenso. Das war vorbei, erledigt - bis zum nächsten Mal.
Als sich die Kirchentür hinter ihnen schloss, atmete Sofia tief durch. Es schneite immer noch, ihre Füße schmerzten vor Kälte und der Wind drang bald erbarmungslos durch den Mantel.
Zuhause war es warm. Schnell zog sie sich die nassen Schuhe und Strümpfe aus. Mit den Händen versuchte sie, die Knitterfalten auf ihrem Kleid glatt zu streichen. Es war ein grünes Kleid mit einem weißen Kragen, hinten wurde es mit einem Reißverschluss geschlossen. Sie war gewachsen, das Kleid, das früher bis an die Waden reichte, bedeckte gerade noch die Knie. Ihr Gesicht war durch die Kälte leicht gerötet, der lange blonde Zopf hatte sich durch den Wind etwas aufgelöst. Sie schaute sich im Zimmer um. Gemeinsam hatten sie heute früh aufgeräumt. Ihr Bett, das sonst am Fenster stand, war an die andere Wand geschoben worden, damit der Tannenbaum Platz hatte. Auf dem Tisch mit der grünen Resopalplatte hatte ihre Mutter eine Tischdecke gelegt und sie mit ein paar Tannenzweigen und Äpfeln dekoriert.
Vor der Bescherung wurde gegessen. Es gab Schweinebraten, Rotkohl und Kartoffelbrei. Sofia füllte sich Kartoffelbrei und ein wenig von der braunen Soße auf. Sie mochte keinen Rotkohl und beim Anblick der fetten Schwarte auf dem Schweinebraten spürte sie, wie ihr Magen sich drehte und wand. Mit der Gabel grub sie einen Tunnel durch den Kartoffelberg, bis dieser zusammenbrach. Sie versuchte das Schimpfen ihrer Mutter zu überhören: "Nur für dich hab ich extra einen Braten gekocht! Hier, probier doch wenigstens! Wozu mach ich mir wohl so viel Arbeit. - Nur wegen dir - Na, denn mal Prost!"
Der Kartoffelbrei hatte sich inzwischen durch das Herumrühren in eine braune Masse verwandelt. Sofia schob den Teller beiseite.

Seite  02
<   03   >
 04

www.leselagune.live  | Romane | Kurzgeschichten | Texte für den Frieden | Kolumne | Kabarett-Sketche