Maria
war inzwischen am Tisch eingeschlafen. Sofia zog sich Mantel und Schuhe
an, schloss behutsam die Tür hinter sich.
Als sie draußen war, betrachtete sie den Abendhimmel, und
ihre
Augen glänzten mit den Sternen um die Wette.
Schneehäubchen
hatten die schäbigen Holzbaracken in gemütliche
Pfefferkuchen-Häuschen verwandelt - am liebsten würde
sie
immer weiter gehen, einen Schritt vor den anderen setzen, nur nicht
zurück nach Hause.
Sie betrat Baracke Nr. 7. An der Tür mit dem Schild 'Zottke'
blieb sie stehen, klopfte und presste ihr Ohr an die Tür.
"Ja, wer ist da?"
"Ich bin es Frau Zottke, kann ich reinkommen?" rief sie durch das
Schlüsselloch.
"Ja, mein Mädchen komm nur rein, die Tür ist offen."
Sofia trat ein.
"Das ist aber eine Überraschung, dass du heute Abend zu mir
kommst." Frau Zottke saß, in eine Wolldecke
eingehüllt, in
einem Sessel am Fenster; auf dem Tisch daneben stand ein kleiner
Tannenbaum, Strohsterne und kleine Lebkuchen schmückten ihn.
Lebkuchen lagen auch auf dem weißblauen Teller, der auf dem
Tisch
stand. Frau Zottke trank gerne Tee mit braunem Kandiszucker. Alles war
weiß-blau, die Tasse, die Zuckerdose, nur die Kerze nicht,
die
war rot. Die Möbel in diesem Raum waren alt und
schäbig.
Trotzdem liebte Sofia diesen Raum, er strahlte Gemütlichkeit
aus,
das lag wohl auch an Frau Zottke.
"Mein Mädchen, hol dir eine Tasse und einen Teller, da kannst
du
dir ein paar Lebkuchen drauflegen und dann setz dich zu mir." Sofia
suchte sich zwei Lebkuchen aus - die mit dem weißen
Zuckerguss -
und hockte sich auf den Teppich vor Frau Zottke. Auf einem kleinen
Holzschemel stellte sie ihre Tasse und den Teller ab.
"Ich hab was für dich Frau Zottke, hier. Bitte." Sofia hielt
ihr
das eine Sternenpäckchen hin. Fasziniert beobachtete sie das
Gesicht der alten Frau. Heute im Kerzenlicht sah sie
wunderschön
aus, die weißen Haare glänzten durch den
Lichterschein; wenn
sie lächelte, waren ihre Augen von vielen
Lachfältchen
umgeben. Ein wenig gruselte es sie schon, wenn Frau Zottke den Mund
aufmachte und dadurch Zahnlücken und Zahnstumpen sichtbar
wurden.
Doch jetzt lächelte sie nur. Dankbar strahlte sie Sofia an.
"So schöne Sterne - kannst du mir die nachher gleich an die
Fensterscheibe kleben? Dieser hier gefällt mir besonders gut."
Sie
hielt den Stern mit dem roten und gelben Transparentpapier vor das
Kerzenlicht. "Danke, mein Mädchen, damit hast du mir eine
große Freude gemacht."
Sofia war oft bei Frau Zottke; sie hatte immer selbst gebackene Kekse,
die sie in den Tee tauchte, bis sie weich wurden. Sofia sang ihr Lieder
vor und Frau Zottke erzählte ihr Geschichten, wahre
Geschichten
aus ihrer Kinderzeit.
"Singst du mir noch ein paar Weihnachtslieder vor?"
Gern tat sie ihr diesen Gefallen. Bei dem letzten Lied stimmte die Frau
mit ein. "Stille Nacht, heilige Nacht ..." Tränen kullerten
aus
ihren Augen. Sofia spürte, dass auch ihre Augen brannten,
immer
wässriger wurden.
"Ich muss jetzt gehen, Frau Zottke, ich hab Opa Stahnke versprochen,
dass ich ihn heute besuche."
"Ist schon gut, mein Mädchen, fröhliche Weihnachten!
… und grüß Opa Stahnke von mir."