Er wohnte in der gleichen
Baracke. Leider konnte er nicht mehr so gut laufen und hatte oft
schlimmen Husten. Sofia kümmerte sich mitunter um ihn, kaufte ein,
brachte seine Post zum Briefkasten. In seinem Zimmer stand ein
Vogelkäfig mit Butschi, einem zahmen Wellensittich, der auch etwas
sprechen konnte.
Wenn die Besorgungen erledigt waren, blieb sie noch eine Weile und
setzte sich zu ihm. Er bestand darauf, dass sie Opa sagte, weil er eine
Tochter hatte, die nicht mehr am Leben war. Er meinte, Sofia sehe ihr
sehr ähnlich, deshalb würde er sich freuen, wenn sie Opa zu ihm sagen
würde. Oft gab er ihr eine dicke Scheibe frisches Weißbrot mit Butter
bestrichen und mit viel Zucker bestreut. Wenn es ihm gut ging, spielte
er auf seiner Trompete. Sie hörte ihm gern zu. Die Kraft, die von diesem
Instrument ausging, spürte sie im ganzen Körper, so dass sie das Gefühl
hatte, irgendwann davon platzen zu müssen. Wenn er mit dem Spielen
fertig war, nahm er ein weiches Tuch, polierte die Trompete und legte
sie behutsam in den Koffer zurück.
"Das ist alles, was mir zum Leben noch geblieben ist", sagte er
mitunter; "Die Trompete konnten sie mir nicht nehmen."
Ihm wollte sie das zweite Sternenpäckchen schenken. Sie klopfte an seine
Tür, nichts rührte sich, sie klopfte etwas lauter - keine Antwort.
"Opa Stahnke? ... Opa Stahnke?"
Immer noch keine Antwort – vielleicht schlief er schon. Sie legte das
Sternenpäckchen ganz nah an die Tür, da würde er es finden und ging nach
Hause.
Ihre Mutter war inzwischen wach geworden: "Wo hast du dich denn schon
wieder rumgetrieben"
Sofia spürte, dass sie eigentlich keine Antwort darauf haben wollte. Sie
tat so, als ob sie sehr müde war, kroch in ihr Bett und zog sich die
Decke über den Kopf. Unter der Decke atmete sie befreit auf. Für sie war
es trotz allem ein schöner Tag gewesen: Die Schneeflocken, die
weihnachtliche Stimmung, die über der Stadt gelegen hatte; die Orgel in
der Kirche, das Singen … Frau Zottke war so lieb zu ihr. Mit einem
Lächeln auf dem Gesicht schlief sie ein.