Die Weihnachtstür

Eigentlich wollte er dir heute etwas schenken. Als ich ihn nachmittags besuchte, war er aber so schwach, konnte kaum sprechen. Ich habe ihn schließlich ins Krankenhaus gefahren. Er bestand darauf, dass ich noch heute zu dir gehe, weil Heiligabend ist. Dein Geschenk steht im Flur, ich hol es mal rein." Gerd schmunzelte und ging in den Flur. Draußen klingelte etwas und wenig später schob er ein Fahrrad herein und stellte es vor Sofia ab. "Es ist zwar ein gebrauchtes Fahrrad, wie du siehst, aber ich hab es ordentlich aufgemöbelt. Die Reifen sind neu, die Bremsen funktionieren gut und den Rahmen habe ich grün lackiert für dich. Den Korb kannst du bestimmt gut zum Einkaufen nutzen."
Sofia wollte etwas sagen, ihr Mund war völlig trocken, sie brachte kein Wort heraus. Einerseits war sie sehr erschrocken, dass Opa Stahnke so krank war; auf der anderen Seite zerriss es sie innerlich schier vor Freude über das unvorhergesehene Geschenk. So stand sie immer noch auf dem gleichen Fleck und jetzt kullerten Tränen über ihr Gesicht, das gleichzeitig vor Freude nur so strahlte. Spontan fiel sie Gerd um den Hals.
"Danke! - Bitte sag Opa Stahnke - ich darf doch Opa Stahnke sagen? ... dass ich ihm wünsche, schnell wieder gesund zu werden." Gerd streichelte ihren Kopf. "Natürlich darfst du ihn so anreden, er freut sich doch darüber! Setz dich mal auf den Sattel." Er hielt das Rad fest, Sofia stieg auf die Pedale, versuchte sich auf den Sattel zu setzen. Der Sattel war etwas zu hoch. Gerd schob ihn weiter nach unten. Nun konnte sie gut darauf sitzen.
"Da fällt mir ein, könntest du dich, solange er im Krankenhaus ist um Butschi kümmern?" Natürlich konnte sie das. Gerd gab ihr den Wohnungsschlüssel und verabschiedete sich.
"Ich versteh das nicht", zischte ihre Mutter, "mir schenkt nie jemand was! Wieso kriegst du was, immer nur du?"
Schlafen konnte Sofia jetzt noch nicht. Sie schob das Rad auf den Flur und fuhr ein paarmal damit hin und her – wenn auch noch etwas wackelig.

Seite  07
<   08   >
 ENDE

www.leselagune.live  | Romane | Kurzgeschichten | Texte für den Frieden | Kolumne | Kabarett-Sketche