Die Weihnachtstür

Sofia sah eine Tür, eine einfache schmucklose Holztür, die einen kleinen Spalt breit offen war. Helle Lichtstrahlen bahnten sich ihren Weg. Menschen gingen auf diese Tür zu, guckten durch den schmalen Spalt und klopften an - die Tür öffnete sich. Jetzt erkannte sie: Frau Zottke, Opa Stahnke, Anita, die ihr immer vom Pausenbrot etwas abgab; ihren Lieblingslehrer, der es verstand, wenn sie zu spät zur Schule kam.
Viele Menschen mussten jedoch umkehren, weil bei ihnen die Tür, so sehr sie sich auch bemühten, bis auf den kleinen Spalt geschlossen blieb. Sie sah den mürrischen Herrn von Baracke 3, der immer schimpfte, wenn sie dort mit anderen Kindern Ball spielten; da war auch die Lehrerin, die sie oft ziemlich herablassend darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ihre Fingernägel arg dreckig waren.
Eine weitere Frau, die nun durch den Spalt schaute, versuchte auch verzweifelt, die Tür zu öffnen. Erst jetzt erkannte sie, dass es ihre Mutter war. Sie hämmerte auf die Tür ein, schluchzte und fluchte. Die Tür blieb geschlossen. "Warum hilft mir denn keiner. Wo ist er ihr Gott?" Hallte es laut herüber.
Sofia rief ihr zu: "Du kannst es schaffen!" Doch ihre Mutter konnte sie nicht hören, gab auf, sie hatte keine Kraft mehr, wurde kleiner und kleiner ... Jetzt war sie ganz verschwunden.
Sofia dagegen wuchs, wurde größer, fühlte sich stark und mutig. Neugierig näherte sie sich der Tür und blickte zunächst durch den kleinen Spalt. Sie konnte kaum etwas sehen, dicke Schneeflocken verwehrten ihr den Blick. Jetzt sah sie den Tannenbaum mit den Schneehäubchen, der vor der Kirche stand und da, da saß Frau Zottke auf ihrem Sofa und trank Tee mit Opa Stahnke; es roch so nach Lebkuchen, Weihnachtslieder erklangen. Sie sah wie andere liebevoll Geschenke einpackten und überall hingen selbst gebastelte Sterne aus schwarzem Tonpapier, die mit Transparentpapier hinter klebt waren und mittendrin stand ein Christbaum, der mit Lebkuchen und Strohsternen geschmückt war. – Die "Weihnachts-Tür" schoss es ihr durch den Kopf. Sie sah sich noch einmal nach ihrer Mutter um, doch sie konnte sie nicht mehr sehen und klopfte an die Tür.

Das Klopfen an der Tür, die laute Stimme ihrer Mutter rissen Sofia aus dem Schlaf. "Zu wem wollen Sie? Zu Sofia? Die schläft schon. Kommen Sie morgen wieder."
Sofia schaute zur Tür, sprang aus dem Bett und lief zu dem jungen Mann, der in der Tür stand.
"Is was mit Opa Stahnke?" fragte sie ihn. Sie wusste, dass Gerd der Enkelsohn von Opa Stahnke war. Sie hatte ihn schon ein paar Mal gesehen, wenn sie bei Opa Stahnke war. Nun zerrte sie an seinem Mantelärmel. "Was ist los, sag schon!"
Ihre Mutter schaute etwas verdattert zwischen den beiden hin und her: "Wer ist Opa Stahnke? Du hast keinen Opa Sofia!"
Sofia, die immer noch den Mantelärmel festhielt, zog Gerd in die Wohnung. "Komm bitte, setz dich."
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihre Mutter wohl einverstanden war, setzte er sich endlich auf den angebotenen Stuhl und begann zu erzählen: "Ich komme gerade aus dem Krankenhaus, mein Großvater, er ist sehr krank; man wird ihm den Kehlkopf entfernen müssen. Ich glaube, er weiß das schon lange; hat aber nie etwas gesagt. Nach der Operation könnte es ihm wieder besser gehen.

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